Werden Musiker zu Patienten, werden sie selten unter dem Gesichtspunkt ihres spezifischen Berufs ärztlich behandelt – im Gegensatz zu Sportlern, die durch Sportärzte betreut werden. Allgemeinärzte sind dann meist die ersten Ansprechpartner. Diese sind aber oft überfordert, wenn es bei Musikerpatienten um Detailfragen geht. Dieser Beitrag will hierfür eine Hilfestellung geben.

Kasuistik

Eine 42-jährige Konzertmeisterin und Geigerin eines großen deutschen Orchesters präsentierte sich mit schmerzhaften Beschwerden im Bereich der linken Hand, hier insbesondere Zeige- und Mittelfinger betreffend und auf die Hohlhand übergreifend. Zeitweise wachte sie nachts auf, da neben den Schmerzen auch ein deutliches Taubheitsgefühl beide Finger, aber auch die radiale Hälfte des Ringfingers betraf. Inzwischen waren die Beschwerden so massiv, dass sie bereits 2 Monate krankgeschrieben war, nachdem sie davor auch schon über 4 Wochen mit ähnlichen Beschwerden gekämpft hatte. Die verordneten physikalischen Maßnahmen und Handgelenksschiene durch den behandelnden Orthopäden, wie auch medikamentöse Therapien hatten keinerlei Erfolg gezeigt. Untersuchungen der Halswirbelsäule ergaben keinen Hinweis auf eine Kompression entsprechender Nervenwurzeln, das Beklopfen des Karpaltunnels über dem Retinakulum flexorum hingegen konnte den Schmerz und die Taubheit provozieren und verstärken. Neurophysiologische Untersuchungen mit Messung der Nervenleitgeschwindigkeit beider Nn. medianus ergaben dann die Diagnose eines linksseitigen Karpaltunnelsyndroms.

Die operative Entlastung des Karpaltunnels erfolgte dann durch minimalinvasiven Zugang und Inzision des Retinakulum flexorum. Am 1. postoperativen Tag wurden bereits Fingerübungen ohne Instrument initiiert, nach 5 Tagen mit Instrument, aber noch ohne Bogen. Nach 10 Tagen wurde bereits ein leichtes Übeprogramm mit der Violine begonnen, das in den folgenden Wochen sukzessive gesteigert wurde, nach 5 Wochen wurde die Geigerin wieder zurück im Orchester regulär tätig.

Der Grund für die operative Indikation trotz möglicher perioperativer Risiken war das Nicht-Ansprechen auf konservative Maßnahmen, das zum einen das Risiko einer irreversiblen Nervenschädigung in sich trägt, zum anderen aber auch durch die protrahierte Spielunfähigkeit einen enormen Verlust der professionellen Spieltechnik riskiert, die die Reintegration ins Orchester massiv erschwert oder gar zu einer Berufsunfähigkeit führen könnte.

Schließlich muss aber darauf hingewiesen werden, dass die Mehrzahl der Karpaltunnelsyndrome konservativ behandelbar ist.

Musikermedizin – was ist das?

In Deutschland gibt es 129 Berufsorchester mit 9.766 Planstellen. Daneben findet sich eine Vielzahl weiterer Ensembles im professionellen, semi-professionellen und amateurhaften Bereich mit vielen begeisterten Musikern.

Dennoch macht die Gruppe aller Musiker in der Summe im Vergleich zu anderen Berufsgruppen innerhalb der Gesamtbevölkerung eine Minderheit aus.

Werden Musiker zu Patienten, erhalten sie daher meist keine berufsspezifische, auf ihre speziellen Ansprüche abgestimmte Behandlung.

Oftmals sind auch die primären ärztlichen Ansprechpartner – sowohl Allgemeinärzte wie auch Fachärzte – überfordert, wenn es bei Musikerpatienten um Fragen geht, die mit den Spieltechniken, Instrumentencharakteristiken oder Fragen zum Arbeitsplatz (Proberäume, Opernhäuser etc.) zu tun haben, und die Mediziner nicht selbst aktive Hobby-Musiker sind.

Musiker benötigen eine berufsspezifische Therapie

Dennoch hat sich auch in Deutschland in den letzten 30 Jahren ein Wandel vollzogen, Orchestermusikern bei Erkrankungen und Verletzungen eine berufsspezifischere medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Dies findet zum einen darin Ausdruck, dass sich in den letzten Jahren vermehrt Musikersprechstunden sowohl im klinischen wie auch niedergelassenen Bereich etabliert haben, zum anderen aber auch gerade an den musikausbildenden Institutionen – wie beispielsweise Musikhochschulen – musikphysiologische Einrichtungen geschaffen wurden, die sich mit der Prävention möglicher Erkrankungen beschäftigen. Musikhochschulen, wie beispielsweise Hannover, Berlin, Freiburg, Frankfurt, Dresden, Würzburg, Köln, München und andere, verfügen neben musikphysiologischen Vorlesungen und Seminaren auch über Sprechstunden für Musiker.

Anforderungen an die Musikermedizin

1994 wurde die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin gegründet, die Ärzte wie auch Physiotherapeuten mit einem besonderen Einsatz für Musiker vernetzt.Hierbei ist wichtig zu wissen, dass die Anforderungen seitens der professionellen Musikwelt an die Interpreten sowohl in physischer wie auch psychischer Hinsicht außergewöhnlich hoch sind. Schon geringe Läsionen oder Irritationen können über die Zukunft einer Künstlerkarriere entscheiden.

Orchestermusiker erfordern bei einer Vielzahl von Erkrankungen und Verletzungen eine medizinische Betreuung, die deren Spieltechniken, Anforderungen seitens der Musikinstrumente, aber auch musikbezogene Abläufe im Orchester sehr gut kennt. Auch heute noch werden beispielsweise Geiger gelegentlich mit Hilfestellungen und Empfehlungen konfrontiert, dass sie, wenn sie die Geige momentan nicht mit links spielen können, diese doch eine Weile mit rechts spielen sollten – dies stärkt nicht das Vertrauen in die ärztliche Behandlungsqualität.

Spezielle medizinische Probleme bei Musikern

Selbstverständlich können Musiker, wie andere Personen auch, in allen medizinischen Fachgebieten erkranken und werden in vielen Fällen mit den aktuellen Behandlungskonzepten leitliniengerecht behandelbar sein. So wird eine Vielzahl ihrer medizinischen Probleme ganz regulär durch den zuständigen Hausarzt therapierbar sein.

Das Fachgebiet der Orthopädie und Unfallchirurgie ist in der Musikermedizin besonders gefordert, da gerade im Bereich des Bewegungsapparates die Mehrzahl der berufsbezogenen Probleme besteht – oftmals mit Schnittmenge zur Neurologie, aber auch im psychosomatischen Bereich. Kaum eine Berufsgruppe wird bezüglich ihrer körperlichen Leistungen so gnadenlos kontrolliert und am Musikinstrument beobachtet, wo es um Millimeter und Millisekunden geht und ein nicht-akzeptables akustisches Ergebnis wie unter der Lupe wahrgenommen wird. Die damit verbundene Angst der Künstler, im Sinne eines in das Pathologische übergehenden Lampenfiebers, kann Ursache oder aber auch Folge orthopädischer Erkrankungen sein. Aus der Vielfalt möglicher musikermedizinischer Bereiche seien hier drei unterschiedliche Themenbereiche etwas vertieft:

Hand- und Unterarmbeschwerden

Häufige Probleme neben den muskulären Verspannungssyndromen (Tabelle 1) betreffen vor allem bei den Streichern Unterarmtendinosen, Ringbandstenosen und Karpaltunnelsyndrome (Tabelle 2), meist aufgrund von deutlicher Steigerung der Spielzeiten, oftmals auch durch damit verbundenen Zeitdruck. Die Neurologen Hochberg und Mitarbeiter (1983) fanden bei 49 Musikern, die sie wegen Handbeschwerden konsultierten, bei 60 % der Nervenkompressionssyndrome der oberen Extremität ein Karpaltunnelsyndrom.

Wie in der Kasuistik beschrieben, kann unter dem Gesichtspunkt des Musizierens weder eine generelle Empfehlung zur konservativen Therapie ausgesprochen werden, noch darf reflexartig eine operative Indikation gestellt werden. Sind in einem Zeitraum von 2 bis 3 Monaten konservative Maßnahmen mit deutlicher Verbesserung verbunden, sind sie der Spaltung des Ligamentum carpi transversum vorzuziehen, sollte hingegen in diesem Zeitraum die neurologische Symptomatik eher zunehmen, können bleibende Schäden des Nervus medianus eine langfristige hochsensible Spieltechnik unter Umständen so verhindern, dass Berufsunfähigkeit droht. Hier sollte zügig der Nerv operativ über minimalinvasive Zugänge entlastet werden.

Für den zuständigen Hausarzt bedeutet dies, frühzeitig zur neurologischen Untersuchung einschließlich NLG und EMG zu überweisen, und ggf. unter Hinzuziehung eines Musikermediziners schließlich eine handchirurgische Vorstellung zu initiieren.

Schulterbeschwerden

Relativ häufig treten bei den Viola-Spielern/innen Rotatorenmanschettenaffektionen der linken Schulter auf, die vor allem durch oftmals ergonomisch unpassende Instrumentendimensionen forciert sein können. Neben der üblichen Diagnostik einschließlich MRT der linken Schulter sollten im Rahmen der Therapieplanung nicht nur die analgetischen, antiinflammatorischen und physiotherapeutischen Konzepte vermittelt werden, sondern auch frühzeitig eine musikermedizinische Unterstützung angebahnt werden. Hier kann eine eingehende Beratung unter ergonomischen Gesichtspunkten erfolgen, die auch langfristig den Effekt übergroßer Instrumente individuell einschätzen kann.

Wenn die Wirbelsäule Probleme bereitet

Erkrankungen und Überlastungen im Bereich der LWS und des Beckens finden sich gehäuft beispielsweise bei Kontrabassisten/innen, die auch in ergonomisch ungünstigen Positionen besonders belastet werden. Auch hier gibt es Lösungsansätze, die neben klassisch medizinischen Konzepten ergonomische Details berücksichtigen. Dies betrifft bei dieser Berufsgruppe vor allem die Wahl Kontrabass-spezifischer ergonomischer Stühle, die auch heute noch nicht in jedem Orchester selbstverständlich sind.

Oft leidet auch das Gehör

Nicht unerwähnt sollte an dieser Stelle auch sein, dass die Schwerhörigkeit bei Musikern eine anerkannte Berufskrankheit ist. Auch wenn dies eher in das Fachgebiet der HNO gehört, so ist doch festzustellen, dass gerade die Schwerhörigkeit sich auch durch höhere Anspannung bis hin in den Bewegungsapparat auswirken kann, so auch gerade in den Bereich der Wirbelsäule. Eine schmerzhaft empfundene muskuläre Verspannung und Überlastung kann ihren Ursprung also in der akustischen Problematik finden.

Dies ist unter anderem auch ein Grund, warum Musikermediziner sich nicht stur auf ihr klassisches medizinisches Fachgebiet beschränken sollten, sondern "über den Tellerrand schauend" auch gerade hier die Querverbindungen aufdecken müssen.

Fazit für die Praxis

Medizinische Probleme bei Musikern, die direkt mit spieltechnischen Schwierigkeiten am Instrument verbunden sind, sollten, auch wenn sie manchmal im Vergleich zum generellen Patientenkollektiv "banal" erscheinen, ernst genommen werden. Musikern drohen oftmals schon erhebliche langfristige Spielprobleme bei Symptomen, die für andere Berufsgruppen eher als lapidar eingestuft werden. Für den zuständigen Allgemeinarzt macht es hierbei Sinn, frühzeitig eine Institution einzuschalten, die sich speziell mit Musikermedizin beschäftigt. Zugegebenermaßen ist Deutschland damit nicht flächendeckend ausgestattet, aber Musiker sind in der Regel bereit, gerade wenn es um die Spielfähigkeit geht, auch etwas längere Wege in Kauf zu nehmen.

Die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (www.dgfmm.org) unterstützt hierbei die Vermittlung musikermedizinischer Ansprechpartner.


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Autor:

Prof. Dr. med. Jochen Blum

Zentrum für Unfallchirurgie, Orthopädie und Handchirurgie
Klinikum Worms
67550 Worms
Bereich Musikphysiologie und Musikermedizin, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst
60322 Frankfurt/Main

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert