Wales ist für seine zerklüftete Küste, wunderschöne Buchten, malerische Häfen und Leuchttürme und die keltische Kultur bekannt. Im Nordwesten aber liegt der Snowdonia-Nationalpark mit Seen, Gletscherformationen und Wanderwegen. Dorthin hat es unseren Reiseautor und Arzt Martin Glauert gezogen. Vor allem das Örtchen Portmeirion hat es ihm angetan. Erfahren Sie hier, warum.

Verwundert reibt man sich die Augen, das muss doch eine Fata Morgana sein: Ausgerechnet hier, in der tiefsten Einsamkeit von Nordwales, wo Regen und Nebel träge den Fluss herauftreiben, liegt mitten im Wald eine grellbunte Siedlung, die direkt aus Italien hereingeschwebt sein muss. Ein Campanile reckt sich in den grauen Himmel, die Kuppel eines Doms leuchtet auf, dazwischen drängeln sich lauter farbenfrohe mediterrane Häuser. Dies ist Portmeirion, ein verspielter Traum aus Stein.

Zufluchtsort für müde Städter

Als der Architekt Clough Williams-Ellis 1925 diesen Flecken Land erwarb, stand hier lediglich ein einziges baufälliges Haus. Darin wohnte eine etwas seltsame alte Dame allein im Kreis ihrer 15 Hunde, denen sie regelmäßig aus der Bibel vorlas. Das düstere Zimmer, in dem dies geschah, ist heute ein lichtdurchfluteter Raum mit türkisfarbenen Tapeten, Kommoden aus Kirschholz, Spiegeln und glitzernden Kronleuchtern, so leicht und verspielt wie ein Rokokoschlösschen. Die erste Aktion des neuen Besitzers war es gewesen, das alte Haus in ein Hotel umzubauen. Von Anfang an war das gesamte Projekt nämlich gedacht als ein Zufluchtsort für stadtmüde Urlauber. Daran hat sich seit fast hundert Jahren nichts geändert.

Dieses Dorf hat keine echten Einwohner, sondern nur Gäste auf Zeit. Die können wählen, ob sie in einer zum Hotel umgebauten Burg residieren möchten oder sich als Selbstversorger in einem der Häuser einmieten. Und da fällt die Wahl schwer, denn jedes Haus ist einzigartig, und jedes hat seinen Reiz. Die Villa "Einhorn" in dunklem Pink, ein wenig hinter Büschen verborgen und doch mit ungehindertem Blick auf die Piazza, ist beliebt bei Filmstars und Finanziers, die sich – diskret und repräsentativ zugleich – für ein paar Wochen zurückziehen möchten.

Cottages mit Blick auf Berge und Meer

Wer es rustikaler liebt, richtet sich in einem traditionellen Cottage ein. Sie haben niedrige Räume und schiefe Wände, sind klein und ursprünglich, und genau das lieben viele Besucher. Wer aber das Glück hat, ein Haus auf dem Steilhang zu bewohnen, braucht keinen Fernseher mehr. Man setzt sich einfach ans Fenster und schaut hinaus auf die Berge, das Meer und den Himmel, der sich ständig verändert, während im Hintergrund gemütlich das offene Feuer prasselt.

Stärkeren Gemütern vorbehalten ist dagegen "White Horses", das einsame Haus am Leuchtturm. Ursprünglich war es eine Fischerhütte, Thomas Edwards wohnte dort, ein Südwaliser, der fragwürdige Berühmtheit dadurch erlangte, dass er 1813 öffentlich gehenkt wurde für den Raubmord an Mary Jones, der Magd auf einer nahegelegenen Farm. Sein ruheloser Geist kehrt ab und zu heim, so sagt man.

Italienisches Flair im rauen Wales

Irgendwie fühlt der Besucher sich ständig an Italien erinnert, während er durch die Gassen schlendert. Hat man die bunten Häuser mit ihren türkisfarbenen Fensterläden nicht schon einmal in Portofino gesehen? Der große Springbrunnen in der Mitte des Parks, die Domkuppel, der Campanile – sie alle treiben ihr Spiel mit den Erinnerungen an eigene Mittelmeerurlaube. Mittendrin aber stehen erdverbundene walisische Bauernhäuser, zum Beispiel das "Angel". Es verdankt seinen Namen dem barbusigen Engel, der über dem Eingang schwebt. Die Wände sind krumm, das Dach ist schief, und auch die Fenster gehorchen keinen geometrischen Gesetzen.

Direkt nebenan erhebt sich das gotische Portal eines britischen Herrenhauses, darauf aber tanzt die goldene Figur einer hinduistischen Göttin. Ein "operettenhaftes Herangehen an die Architektur", nannte Clough Williams-Ellis es selbst, aber es steckt noch etwas anderes dahinter. Wo immer im Lande verarmte Adelsfamilien ihren Besitz versteigerten, wenn historische Häuser zum Abriss freigegeben wurden, versuchte Clough, unwiederbringliche Schätze zu retten. Die wunderschönen romanischen Kolonnaden in Bristol waren im Krieg von Bomben beschädigt worden und sollten auf den Schutt wandern. Clough ersteigerte sie für ein Taschengeld, ließ jeden einzelnen Stein nummerieren und nach Portmeirion bringen, wo sie auf der Piazza direkt neben dem großen Springbrunnen wieder aufgebaut wurden. Einige wasserspeiende Ungeheuer waren verloren gegangen, so dass Clough kurzerhand sein eigenes Gesicht einfügen ließ. Selbstironie und Selbstdarstellung liegen dicht beieinander, auch bei seiner Büste in der Stadthalle, die mit dem Lorbeerkranz um die Stirn stark an Cäsar erinnert. Das muss auch die Studenten aus Cambridge gereizt haben, die hier ihre Abschlussprüfung feierten. Aus Schabernack ließen sie den Kopf mitgehen, wurden jedoch bald von der Polizei verfolgt und warfen die schwere Figur von einer Brücke hinab in den Fluss. Taucher mussten engagiert werden, um sie wieder herauszuholen.

Von Meerjungfrauen und bibelfesten Hunden

Die Meerjungfrau, die von einigen Häusern herabschaut, ist zum Logo von Portmeirion ge-worden. Ursprünglich schmückten die Fenstergitter die Seemannsmission in Liverpool, nachdem diese im Krieg zerbombt worden war, kaufte Williams die Gitter samt den Meerjungfrauen. Aber auch ganz andere Gäste kamen aus Liverpool. Brian Epstein, der Manager der Beatles, richtete sich jahrelang im Torhaus ein, George Harrison gab in diesem pittoresken Ambiente eine rauschende Party zu seinem 50. Geburtstag.

Dem Trubel der Welt entkommt der Besucher in wenigen Schritten. Um das Dorf herum er-streckt sich ein Waldgebiet mit subtropischer Vegetation. Seltene Pflanzen gedeihen in dem milden Küstenklima. Ein Seerosenteich mit einer chinesischen Brücke und einer Pagode im Hintergrund entführt noch einmal in eine ferne Traumwelt. Die Bäume sind moosüberwach-sen. Absichtslos stößt man auf einen verborgenen Friedhof, auf dem 15 bibelfeste Hunde unter Grabsteinen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Sie würden sich wahrscheinlich im Gra-be umdrehen, wüssten sie, dass heimlich bei Mitternacht auch eine Katze hier beerdigt wurde.

Reiseinformationen
Portmeirion, Minffordd, Penrhyndeudraeth, Gwynedd, LL48 6ER, Cymru/Wales

  • Weitere Informationen unter www.portmeirion.wales
  • Anreise: Von Manchester Airport am besten im Mietwagen, die Fahrt dauert etwa 2,5 Stunden.
  • Unterkunft: Man kann herrschaftlich in einem Hotel wohnen, das in einer ehemaligen Burg eingerichtet wurde. Daneben stehen für Selbstversorger Zimmer, Wohnungen und Häuser zur Verfügung. Die Auswahl reicht von schiefen walisischen Bauernkaten bis zu aristokratischen Herrenhäusern. Preise nach Auskunft.



Autor:
Martin Glauert