Patienten mit Rückenschmerzen erlebt der Hausarzt im Praxisalltag fast täglich. Aber was hilft wirklich dagegen? Sicher ist: Um Rückenschmerzen erfolgreich zu bekämpfen, müssen die meisten Patienten in erster Linie ihr bisheriges Verhalten ändern. Das Erlernen von Selbstmanagement- und Bewältigungskompetenzen kann der Hausarzt durch die Schulung des Patienten erreichen und ihm dabei auch passende Hilfestellungen bezüglich körperlicher Aktivität im (Berufs-)Alltag geben. Denn ein Grundsatz gilt immer: Der menschliche Körper ist nicht zum Sitzen gemacht.

Rückenschmerzen sind eine der häufigsten Konsequenzen aus einseitiger Belastung und langem Sitzen. Eine deutsche Rückenschmerzstudie hat gezeigt, dass knapp 85 % der Bevölkerung mindestens einmal im Leben Rückenschmerzen hatten [1]. Ein Unterschied zwischen den Geschlechtern ist dabei nicht zu erkennen. Bei einer bundesweiten Telefonumfrage des Robert Koch-Instituts gaben sogar jede vierte Frau (25 %) und etwa jeder sechste Mann (16,9 %) an, in den letzten zwölf Monaten unter chronischen Rückenschmerzen gelitten zu haben [2]. Eine Verringerung der Lebensqualität und eine Beeinträchtigung von familiären und sozialen Beziehungen können die Folge sein [3, 4].

Rückenschmerzen gelten zudem als einer der häufigsten Gründe für eine höhere Zahl an Arbeitsunfähigkeitstagen (Basis: AOK-Versicherte) [5] und sind der zweithäufigste Anlass für gesundheitlich bedingte Frühberentungen [6]. Nach aktuellsten Daten (von 2015) verursachte die Erkrankung in Deutschland direkte und indirekte Kosten von knapp 4,5 Mrd. Euro [7].
90 % aller Fälle gehören zu den unspezifischen Rückenschmerzen, deren Schmerzentstehung sich nicht eindeutig klären lässt [8]. Der wesentlich kleinere Anteil umfasst spezifische Rückenschmerzen mit eindeutiger Ursache.

Die Entstehung von Rückenschmerzen wird durch verschiedene Einflussfaktoren begünstigt, die sich meist gegenseitig verstärken. Sozioökonomische Faktoren spielen dabei in allen Altersgruppen eine Rolle [2]. Emotionale und persönliche Umstände, z. B. Stress, Depressionen oder Unzufriedenheit, beeinflussen zudem die Entstehung und den negativen Verlauf der Erkrankung. Auch der individuelle Lebensstil sowie ein Mangel an körperlicher und sportlicher Aktivität spielen eine Rolle. Einseitige Belastungen oder langanhaltende statische Körperhaltungen – besonders im beruflichen Alltag – können Vorerkrankungen oder Vorschädigungen verschlechtern und damit Rückenschmerzen fördern [9, 10]. Fehlt die muskuläre Unterstützung, kann der Körper viele Fehlhaltungen oder Haltungsschwächen der Wirbelsäule nicht (mehr) ausgleichen.

Heute weiß man: Rückenschmerzen lassen sich vor allem durch die Edukation des Patienten erfolgreich bekämpfen. Schon 2002 bestätigte ein großes Review die hohe Evidenz dieser Maßnahme [11]. Auch in den DEGAM-Leitlinien – sowohl zu Kreuz- als auch zu Nackenschmerzen – hat die Beratung des Patienten einen hohen Stellenwert [12, 13].

Hilfestellungen: hausärztliche Edukation und körperliche Aktivität

Wichtig ist immer, den Patienten über mögliche Hilfestellungen zu informieren. Der Hausarzt kann hier seine Aufklärungs- und Motivationsfähigkeiten besonders gut nutzen. Die Unterstützung des Patienten beinhaltet eine gemeinsame Entwicklung von Selbstmanagement- und Bewältigungskompetenzen (vgl. Kasten 1 [14]). Entscheidend ist, das Bewusstsein des Patienten zu stärken und konkret die positiven Effekte von regelmäßiger Bewegung zu verdeutlichen. Der Arzt muss dabei u. a. ausreichend über die Yellow Flags bei Patienten mit Rückenschmerzen informiert sein, um eine Chronifizierung zu vermeiden [15]. Zudem sollte er bestehende, individuelle Präventionspotenziale so gut wie möglich ausschöpfen. Inhalte der neuen Rückenschule bieten weitere nützliche Hilfestellungen. Diese beschreibt auch Maßnahmen für eine rückengerechte Sitz- und Bildschirmarbeit.

Kasten 1 [14]: Selbstmanagement fördern!
  • Motivation zu selbstständigem Handeln im Alltag
  • Erlernen von Selbstverstärkungsmaßnahmen
  • Vermitteln von Entspannungsverfahren
  • Abbau der Angst vor Aktivität und Motivation zu körperlicher Aktivität
  • Arbeitsplatzprobleme benennen und Lösungsperspektiven entwickeln

"Die perfekte Haltung" wird als veraltet angesehen. Vielmehr sind eine Reduzierung der Sitzzeiten und Veränderungen der Haltung anzustreben – in der Freizeit sowie am Arbeits-platz. Die Umsetzung kann auf verschiedene Arten erfolgen (vgl. Kasten 2 [16]). Auch innerhalb des Arbeitsablaufs können kleine Veränderungen wirkungsvoll sein. Für die Mittagspause kann der Patient etwa einen kurzen Spaziergang einplanen und auch direkt am Arbeitsplatz bestimmte Abläufe im Stehen vornehmen [16]. Die Ergonomie am Arbeitsplatz lässt sich durch hilfreiche und individuelle Anpassungen meist ohne viel Aufwand verbessern und damit die Rückengesundheit nachhaltig unterstützen [14]. Beispiele hierfür sind die Ausstattung des Büros mit Steh-Sitz-Pulten oder die Nutzung von alternativen, dynamischen Sitzgelegenheiten. Derlei Neuerungen muss der Arbeitnehmer in den meisten Fällen mit seinem Arbeitgeber absprechen.

Kasten 2 [16]: Weitere Tipps für Patienten
  • Kurzzeitige Sitzunterbrechungen, z. B. Aufstehen beim Telefonieren, Treppensteigen, Fitnesstraining im Alltag
  • Veränderung der Haltung: Dynamisches Sitzen (Positionen wechseln, alternative Ruhepositionen einnehmen), Sitzen-Stehen vor "nur" Sitzen oder "nur" Stehen

Auch in Zeiten des Internets ist die hausärztliche Unterstützung von Rückenpatienten unerlässlich. Wie bei allen medizinischen Fragestellungen lassen sich auch bei Rückenschmerzen die vielen Online-Quellen kaum auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen. Der Hausarzt kann dem Patienten hier aber z. B. die relevante Internetliteratur empfehlen. So kann sich der Patient auch selbstständig weiterbilden. Eine seriöse Informationsquelle ist z. B. die Website des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im Bereich Rücken- und Kreuzschmerzen. Der Hausarzt kann zudem auf die "PatientenLeitlinie zur Nationalen VersorgungsLeitlinie Kreuzschmerz" [17] und bei Nackenschmerzen auf die Patienteninformationen der DEGAM [18] verweisen.

Neben der Weitergabe nützlicher Informationsquellen kann der Hausarzt den Patienten selbstverständlich an einen Physiotherapeuten überweisen und/oder auf das Angebot von Gesundheits- und Rückenkursen vor Ort aufmerksam machen. Heute werden auch immer mehr Gesundheits- und Rücken-Apps angeboten. Diese können dem Patienten als weitere Hilfestellung dienen und ihn z. B. zu Rückenübungen motivieren. Inwieweit diese Apps sinnvoll sind, muss immer individuell geprüft werden. Generell sollte der Arzt die verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten nutzen und dabei auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten eingehen.


Literatur
1. Schmidt CO, Raspe H, Pfingsten M, Hasenbring M, Basler HD, Eich W, et al. Back pain in the German adult population: prevalence, severity, and sociodemographic correlates in a multiregional survey. Spine. 2007;32(18):2005-11.
2. Robert Koch-Institut (Hrsg). Rückenschmerzen. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 53. RKI, Berlin. 2012.
3. Kovacs FM, Abraira V, Zamora J, del Real MTG, Llobera J, Fernández C. Correlation between pain, disability, and quality of life in patients with common low back pain. Spine. 2004;29(2):206-10.
4. Vroman K, Warner R, Chamberlain K. Now let me tell you in my own words: narratives of acute and chronic low back pain. Disability and Rehabilitation. 2009;31(12):976-87.
5. Badura B, Ducki A, Schröder H, Klose J, Meyer M. Fehlzeiten-Report 2014: Erfolgreiche Unternehmen von morgen-gesunde Zukunft heute gestalten: Springer-Verlag; 2014.
7. Statistisches Bundesamt (DeStatis). Krankheitskosten: Deutschland, Jahre, Krankheitsdiagnosen (ICD-10), Geschlecht, Altersgruppen [Internet]. 2019 [abgerufen 04.09.2019]. Verfügbar unter: https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/logon?sequenz=tabelleErgebnis&selectionname=23631-0003&sachmerkmal=ICD10Y&sachschluessel=ICD10-M54&transponieren=true.
8. Woolf AD, Erwin J, March L. The need to address the burden of musculoskeletal conditions. Best practice & research Clinical rheumatology. 2012;26(2):183-224.
9. Hoy D, Brooks P, Blyth F, Buchbinder R. The epidemiology of low back pain. Best practice & research Clinical rheumatology. 2010;24(6):769-81.
10. Mohokum M, Dördelmann J. Ganzheitliches Gesundheits- bzw. Krankheitsverständnis am Beispiel von Rückenschmerzen. Betriebliche Gesundheitsförderung: Springer; 2018. S. S.57-71.
11. AGS Panel on Persistent Pain in Older Persons. The management of persistent pain in older persons. Journal of the American Geriatrics Society. 2002;50(6 Suppl):205.
12. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). DEGAM-Leitlinie Nr. 3: Kreuzschmerzen. 2003.
13. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). DEGAM S1 Handlungsempfehlungen Nackenschmerzen. 2017.
14. Casser H-R, Hasenbring M, Becker A, Baron R. Rückenschmerzen und Nackenschmerzen: Springer; 2016.
15. Pfingsten M, Hildebrandt J. Rückenschmerzen. Schmerzpsychotherapie: Springer; 2017. S. 531-53.
16. Kempf H-D. Die Neue Rückenschule. Berlin Heidelberg: Springer; 2015.
17. Bundesärztekammer (BÄK) KBK, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nicht-spezifischer Kreuzschmerz. PatientenLeitlinie zur Nationalen VersorgungsLeitlinie [Internet]. 2017 [abgerufen 04.09.2019]. Verfügbar unter: https://www.patienten-information.de/patientenleitlinien/patientenleitlinien-nvl/html/kreuzschmerz.
18. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). DEGAM Leitlinie Nackenschmerzen - Patienteninformation. 2009.



Autoren:

Melanie Birk (Foto)

Selina von Schumann
Universitätsklinikum Heidelberg – Abteilung Allgemeinmedizin & Versorgungsforschung
69120 Heidelberg

Interessenkonflikte: Die Autorinnen haben keine deklariert