Angesichts der älter werdenden Bevölkerung und einer steigenden Zahl pflegebedürftiger Personen kommt pflegenden Angehörigen eine wachsende Bedeutung zu. Gelingt es der hausärztlichen Versorgung, sich auf diese Gruppe einzustellen, kann sie private Pflegesituationen effektiv und systematisch unterstützen. Eine Studie zeigt, wo die Stärken, aber auch die Schwächen des primärärztlichen Settings liegen.

Derzeit sind rund 3,5 Millionen Menschen in Deutschland als pflegebedürftig eingestuft; Schätzungen gehen sogar von 5 Millionen Personen aus, die informelle Unterstützung oder Pflege erhalten [1, 2, 3]. Die Hauptlast bei der Betreuung und Versorgung wird von privaten Pflegepersonen im häuslichen Umfeld getragen [4, 5]. Zumeist handelt es sich um nahestehende weibliche Familienmitglieder [6–8].

Die pflegende Tätigkeit ist oft von großen Belastungen begleitet. So korreliert die Pflege von nahestehenden Personen noch stärker als mit körperlichen Erkrankungen mit psychischen Problemen wie z. B. depressiven Symptomen [13]. Diese lassen sich insbesondere bei pflegenden Angehörigen von demenziell erkrankten Personen feststellen, deren krankheitsbedingte Verhaltensauffälligkeiten eine schwere Belastung für Pflegepersonen darstellen können [14]. Insbesondere bei Personen, die die Pflege allein bewältigen, kann diese übermäßige Inanspruchnahme in ein Burnout münden [3, 7]. Geraten Angehörige in eine Überlastungssituation, ergibt sich dadurch auch die Gefahr von schwerwiegenden Versorgungsdefiziten in der häuslichen Pflege [1].

Die Bedeutung des hausärztlichen Settings

Die hausärztliche Praxis spielt bei der Identifikation, Beratung und (psychosozialen) Unterstützung von pflegenden Angehörigen eine entscheidende Rolle [4, 5, 17]. Häufig ist das Personal in der hausärztlichen Praxis erster Ansprechpartner bei der Bewältigung einer häuslichen Pflegesituation. Verwandtschaftsgrad und Kenntnis der Familiensituation sind dem allgemeinärztlichen Team durch langjährige Betreuung der Familienmitglieder oft schon bekannt, bevor es zu einer häuslichen Pflegesituation kommt, da sich nicht selten ganze Familien im Patientenstamm eines einzigen Hausarztes befinden.

Neben der Diagnostik und Therapie gesundheitlicher Beschwerden können Hausärzte über das Gespräch mit pflegenden Angehörigen nicht nur (emotionale) Unterstützung gewähren, sondern sich durch gezielte Hausbesuche ein Bild von den Betreuungsbedingungen machen, sodass Versorgungsbedürfnisse besser antizipiert werden können [1, 18, 19]. Nicht zuletzt ist der Hausarzt in der Lage, Informationen zu vermitteln, die für eine gelingende Pflege ausschlaggebend sein können [20].

Werden Bedürfnisse pflegender Angehöriger rechtzeitig erkannt, können Schritte ergriffen werden, die einer Erhaltung der Lebensqualität und Stabilisierung der Pflegesituation förderlich sind. Essenziell ist der Verweis auf Hilfs- und Unterstützungsangebote [21–23]. Indem der Hausarzt zu einer beratenden Einrichtung (z. B. Pflegestützpunkte) verweist oder zur Nutzung eines psychosozialen Hilfsangebots motiviert, kann er helfen, Angehörige auf die Folgen einer Erkrankung (z. B. Demenz) vorzubereiten. Dadurch kann einem ‚Ausbrennen‘ pflegender Personen und einer krisenhaften Versorgungssituation vorgebeugt werden [24].

Dennoch gibt es Herausforderungen, wenn es um eine rechtzeitige und effektive Unterstützung pflegender Angehöriger geht. Da Übergänge hin zu informellen Pflegepersonen oft fließend sind, gestaltet es sich für das hausärztliche Team unter Umständen schwierig, pflegende Angehörige frühzeitig zu identifizieren [9, 17]. Wenn die gepflegte Person nicht von der Hausarztpraxis versorgt wird, in der der Angehörige selbst Patient ist [8], kommt ein Kontakt womöglich erst verzögert zustande oder die regelmäßige Rücksprache ist nicht immer möglich. Gerade in solchen Fällen kann es passieren, dass Allgemeinärzte in der triadischen Konstellation vorrangig die gepflegte Person wahrnehmen [25, 26], also die (gesundheitliche) Situation und die psychosozialen Belastungen Angehöriger nicht ausreichend im Blick haben [18].

Zur Verbesserung des Umgangs mit pflegenden Angehörigen in der hausärztlichen Praxis hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) entsprechende Leitlinien ausgearbeitet (S3-Leitlinie ‚Pflegende Angehörige von Erwachsenen‘). Ziel der Leitlinie ist die frühzeitige Erkennung pflegender Angehöriger, Vermeidung von Interaktionsproblemen und die Prävention von Gesundheitsgefährdungen. Zudem betont die Leitlinie die Wichtigkeit, Bedürfnisse und Wünsche pflegender Angehöriger frühzeitig zu kennen und zu berücksichtigen, sodass die Versorgung sowie auch die Lebensqualität des Pflegebedürftigen unterstützt und stabilisiert werden kann. Dazu bedarf es einer eingehenden Beratung, ggf. auch in Abwesenheit des Pflegebedürftigen [27].

Hausarzt ist wichtiger Ansprechpartner

Eine vom Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz im Jahr 2019 durchgeführte Studie, für die 204 pflegende Angehörige und 663 Hausärzte in Rheinland-Pfalz befragt wurden [28], stellt die Wahrnehmungen pflegender Angehöriger und Hausärzte in Bezug auf die Unterstützung von Pflegepersonen einander gegenüber.

Sowohl Hausärzte als auch Pflegepersonen sind in klarer Mehrheit der Auffassung, dass die Unterstützung pflegender Angehöriger in erster Linie in der Hausarztpraxis erfolgen sollte. Entsprechend halten 65 % der pflegenden Angehörigen und 75 % der Hausärzte den Hausarzt als Ansprechpartner in Fragen der Pflege für sehr wichtig oder eher wichtig. 72 % der Angehörigen geben an, mit dem eigenen oder einem anderen Hausarzt mehr oder weniger regelmäßig über die Pflegetätigkeit zu sprechen. Unter den Hausärzten geben 75 % an, dass sie sich häufig oder gelegentlich mit pflegenden Angehörigen über die häusliche Pflege austauschen.

Insgesamt fühlen sich 67 % der befragten Angehörigen, die mit dem Hausarzt über die Pflege reden, von diesem sehr gut oder eher gut unterstützt. 69 % erleben eine effektive Unterstützung, wenn sie mit einer Frage zur Pflege auf den Hausarzt zukommen.

Eine genauere Abfrage zeigt, dass Hausärzte sich als Ansprechpartner für pflegende Angehörige sehen, mit deren Situation vertraut sind und ihnen große Aufmerksamkeit widmen. Pflegepersonen wiederum nehmen dies in ähnlicher Weise wahr.

Wunsch nach noch mehr Beratung wird deutlich

Allerdings sind auch Schwachstellen erkennbar. So werden Wünsche pflegender Angehöriger nach einer proaktiven hausärztlichen Rolle bei der Erfassung und Antizipation von Schwierigkeiten der Pflege nicht immer erfüllt. Auch wünschen sich Angehörige eine stärker beratende Rolle des Hausarztes, wenn es um die Organisation von Rahmenbedingungen der Pflege, rechtliche Aspekte sowie den Verweis auf Hilfs- und Unterstützungsangebote geht. Hausärzte ordnen dies in vergleichbarer Weise ein.

Bezogen auf die Personen, die mit dem Hausarzt über die Pflege sprechen, messen 75 % diesem sehr große oder eher große Bedeutung im Sinne einer Informations- und Ratgeberquelle für Fragen der Pflegeorganisation bei. 65 % wurden bei mindestens einer Gelegenheit vom Hausarzt auf unterstützende Angebote aufmerksam gemacht (v. a. Pflegedienste und Sozialstationen, Angebote zur Tages- oder Kurzzeitpflege).

Großes Potenzial vorhanden

Die Befragung zeigt, dass Hausärzte ein hohes Vertrauen genießen und eine genaue Kenntnis von Patienten bzw. Angehörigen haben, um dieser Rolle gerecht zu werden. Um pflegende Angehörige noch besser und systematischer in der Hausarztpraxis unterstützen zu können, erscheinen folgende Ansatzpunkte vielversprechend:

  • Hausärzte sollten bestärkt werden, dass die Bedürfnisse und Belastungen pflegender Personen ein Schlüssel für eine längerfristig gelingende Pflege sind und unmittelbar mit der Versorgungsqualität der Pflegeperson zusammenhängen [29].
  • Das frühzeitige Erkennen und Einbeziehen von pflegenden Angehörigen ist für die Sicherstellung einer guten Versorgung essenziell. Idealerweise ist es Aufgabe des gesamten Praxis- teams, (informelle) Pflegepersonen zu identifizieren und gezielt auf ihre Situation anzusprechen. Das nicht-ärztliche Praxispersonal könnte hier über Schulungen stärker involviert werden.
  • Pflegenden Angehörigen sollte signalisiert werden, dass ihre Unterstützung in den Aufgabenbereich der Hausarztpraxis fällt, damit etwa gesundheitliche Anliegen artikuliert werden. Zudem erscheint es ratsam, nicht abzuwarten, bis pflegende Personen Probleme von sich aus ansprechen, sondern schon vorher initiativ zu werden (z. B. über Anlässe wie Gesundheits-Check-ups oder Impfungen).
  • Ein partnerschaftlicher Einbezug von pflegenden Personen in die Versorgung des Pflegebedürftigen fördert die Zufriedenheit und das Vertrauensverhältnis [29].
  • Hausbesuche können helfen, mögliche Versorgungsproblematiken besser zu antizipieren. Hierzu sollten die Potenziale von weitergebildetem Praxispersonal (z. B. NÄPA, VERAH) eingesetzt werden.
  • Strategien zur Beruhigung, Stabilisierung und (Resilienz-)Stärkung von Angehörigen sind wertvolle hausärztliche Kompetenzen [21] und sollten im Fortbildungsrahmen intensiver behandelt werden.
  • Konsequente und frühzeitige Verweise auf Hilfs- und Unterstützungsangebote (z. B. Pflegestützpunkte, Demenznetzwerke) ermöglichen pflegenden Angehörigen den rechtzeitigen Zugang zu Informationen zur Organisation der Pflege. Solche Verweise können auch helfen, einem Ausbrennen pflegender Angehöriger vorzubeugen [21, 24]. Insgesamt wäre eine engere Zusammenarbeit von Hausarztpraxen mit Beratungs- und Unterstützungsakteuren äußerst wertvoll [24, 30]. Hausärzte benötigen eine belastbare Kenntnis von beratenden Akteuren in ihrer Umgebung. Es wäre vorstellbar, dass hausarztnahe Fachgesellschaften (z. B. DEGAM) oder Verbände (z. B. Hausärzteverbände in einzelnen Bundesländern) bei der Orientierung der Hausärzte unterstützend tätig werden.

Literatur
1. Geyer J, Schulz E (2014) Who cares? Die Bedeutung der informellen Pflege durch Erwerbstätige in Deutschland. DIW-Wochenbericht 81: 294-301
2. Nowossadeck S, Engstler H, Klaus D (2016) Pflege und Unterstützung durch Angehörige. Report Altersdaten 1/2016. Berlin: Deutsches Zentrum für Altersfragen
3. Schneekloth U, Wahl HW (Hrsg, 2005) Möglichkeiten und Grenzen selbstständiger Lebensführung in privaten Haushalten. Abschlussbericht im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. München
4. Brown CJ, Mutran EJ, Sloane PD et al (1998) Primary care physicians’ knowledge and behavior related to Alzheimer‘s disease. J Appl Gerontol 17: 462-479
5. Connell CM, Boise L, Stuckey JC et al (2004) Attitudes toward the diagnosis and disclosure of dementia among family caregivers and primary care physicians. Gerontologist 44: 500-507
6. Klaus D, Engstler H (2016) Daten und Methoden des Deutschen Alterssurveys. In: Mahne K, Wolff J, Simonson J et al (Hrsg) Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey. Springer VS, Wiesbaden, S 25-42
7. Klaus D, Tesch-Römer C (2016) Pflege und Unter¬stützung bei gesundheitlichen Einschränkungen: Welchen Beitrag leisten Personen in der zweiten Lebenshälfte für andere? In: Mahne K, Wolff J, Simonson J et al (Hrsg) Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey. Springer VS, Wiesbaden, S 185-200
8. Schmidt M, Schneekloth U (2011). Abschlussbericht zur Studie ‚Wirkungen des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes‘. Berlin: Bundesministerium für Gesundheit
9. DAK (2015). DAK-Pflege-Report 2015. Hamburg: DAK-Gesundheit
10. Bestmann B, Wüstholz E, Verheyen F (2014) Belastung und sozialer Zusammenhalt. Eine Befragung zur Situation von pflegenden Angehörigen. WINEGWissen 04. Hamburg: Techniker Krankenkasse
11. Döhner H, Kofahl C, Lüdecke D et al (2007) Services for supporting family carers of older dependent people in Europe: characteristics, coverage and usage. Hamburg: University Medical Centre of Hamburg Eppendorf
12. O´Reilly D, Connolly S, Rosato M et al (2008) Is caring associated with an increased risk of mortality? A longitudinal study. Soc Sci Med 67: 1282-1290
13. Pinquart M, Sörensen S (2003) Differences between caregivers and noncaregivers in psychological health and physical health: a meta-analysis. Psychol Aging 18: 250-267
14. Pinquart M (2016) Belastungs- und Entlastungsfaktoren pflegender Angehöriger – die Bedeutung der Erwerbs¬tätigkeit. In: Zentrum für Qualität in der Pflege (Hrsg) Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Berlin: Zentrum für Qualität in der Pflege, S 60-72
15. Meyer M (2006) Pflegende Angehörige in Deutschland. Ein Überblick über den derzeitigen Stand und zukünftige Entwicklungen. Berlin: LIT Verlag
16. Wetzstein M, Rommel A, Lange C (2015) Pflegende Angehörige – Deutschlands größter Pflegedienst. GBE kompakt 6(3). Berlin: Robert Koch-Institut
17. Greenwood N, Mackenzie A, Habibi R et al (2010) General practitioners and carers: a questionnaire survey of attitudes, awareness of issues, barriers and enablers to provision of services. BMC Fam Pract 11: 100
18. Bulsara CE, Fynn N (2006) An exploratory study of gp awareness of carer emotional needs in Western Australia. BMC Fam Pract 7: 33
19. Kassenärztliche Bundesvereinigung (2018) Versichertenbefragung 2018. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. Berlin
20. Lamura G, Mnich E, Wojszel B et al (2006) Erfahrungen von pflegenden Angehörigen älterer Menschen in Europa bei der Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen. Ergebnisse des Projektes EUROFAMCARE. Z Gerontol Geriat 39: 429-442
21. Laux N, Melchinger H, Scheurich A et al (2010) Verbesserte ambulante Demenzversorgung. Das hausarztbasierte rheinland-pfälzische Modellprojekt ‚start-modem‘. Dtsch med Wochenschr 135: 2175-2180
22. Linden M, Horgas AL, Gilberg R et al (1997) Predicting health care utilization in the very old: The role of physical health, mental health, attitudinal and social factors. J Aging Health 9: 3-27
23. Löppönen M, Raiha I, Isoaho R et al (2003) Diagnosing cognitive impairment and dementia in primary health care – a more active approach is needed. Age Ageing 32: 606-612
24. Geschke K, Scheurich A, Schermuly I et al (2012) Effectivity of early psychosocial counselling for family caregivers in general practitioner based dementia care. Dtsch Med Wochenschr 137: 2201-2206
25. Burridge LH, Mitchell GK, Moyez J et al (2011) Consultation etiquette in general practice: a qualitative study of what makes it different for lay cancer caregivers. BMC Fam Pract 12: 110
26. Greenwood N, Mackenzie A, Harris R et al (2011) Perception of the role of general practice and practical support measures for carers of stroke survivors: a qualitative study. BMC Fam Pract 12: 57
27. https://www.degam.de/files/Inhalte/Leitlinien-Inhalte/Dokumente/DEGAM-S3-Leitlinien/053-006_Pflegende%20Angehoerige/053-006l_DEGAM%20LL%20Pflegende%20Angeho%CC%88rige_4-3-2019.pdf (zuletzt abgerufen am 18.04.2020)
28. Wangler J, Jansky M (2019) Hausärztliche Betreuungsbedürfnisse pflegender Angehöriger. Ergebnisse einer Online-Befragung. Z Allg Med; 95 (11):442-447
29. The Princess Royal Trust for Carers and Royal College of General Practitioners (2011) Supporting carers: an action guide for general practitioners and their teams. London: RCGP
30. Prüfer F, Joos S, Milksch A (2015) Die Rolle des Hausarztes in der kommunalen Gesundheitsförderung. Prävention und Gesundheitsförderung; 10(2):180-185



Autor:

Dr. Julian Wangler

Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie
Universitätsmedizin Mainz
55131 Mainz

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert