Das Thema "Big Data" – die Sammlung großer Mengen digitaler Daten – ist zunehmend auch im Gesundheitsbereich ein Thema. Wer sind die Akteure? Welche Technologien gibt es schon, welche stehen in den Startlöchern, was wollen wir überhaupt und was nicht? Software-Ingenieur Dr. Ing. Matthieu Schapranow sprach beim Health Summit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung "Health meets Future" über Visionen.

Wir zahlen etwa 4.300 Euro pro Kopf pro Jahr für unser Gesundheitssystem und sind damit im europäischen Vergleich ganz weit vorne, erklärte Dr. Schapranow vom Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering. Und die Kosten steigen stetig weiter an. Auf Dauer wird wohl jeder von uns einen Beitrag für seine Gesundheit leisten müssen. Aber will das der Bürger? Ja, meint Dr. Schapranow, er muss eben nur den Mehrwert klar erkennen.

Es gibt derzeit über 100.000 Apps im Gesundheitswesen. Die meisten Apps befassen sich mit dem Thema Gesundheitsvorsorge/Prävention. Häufig sind es Fitnesstracker, die Schritte, Kalorienverbrauch etc. zählen, zum anderen aber auch Apps, die konkrete Therapieempfehlungen geben. Der Großteil dieser Anwendungen ist allerdings qualitativ überhaupt nicht evaluiert.

Projekte laufen parallel

Wer sind die Stakeholder, die in Deutschland beim Thema "Digital Health" eine Rolle spielen? Das Gesundheitsministerium fühlt sich für IT nicht zuständig, Bildungsministerium und Forschungsministerium zum Teil schon. Auch das Wirtschaftsministerium mischt mit. Aber können hier Entscheidungen für die flächenmäßige Digitalisierung getroffen werden? Der Gesundheitsmarkt ist bei uns nicht eindeutig geregelt und sehr hart umkämpft, so Dr. Schapranow: "Forschungsprogramme und Fördergelder finden sich überall, wir sind nicht ausschließlich auf die Finanzierung aus den Krankenkassen angewiesen. Aber diese vielen Projekte sind nicht wirklich miteinander verknüpft und laufen oft parallel."

Der Weg zu Big Data

Die schönste Gesundheits-App, die es in der letzten Zeit auf den Markt geschafft hat, ist Pókemon Go, so die Überzeugung von Dr. Schapranow. Selbst Jugendliche, die bisher nur vor PC oder Spielekonsole saßen, gehen raus und bewegen sich auf einmal. Das Spiel sei ein gutes Beispiel für Gamification. Wenn man ein paar spielerische Aspekte einbaut, seien die Menschen viel mehr motiviert, sich gesundheitsfördernde Verhaltensweisen anzugewöhnen. Eine virtuelle Währung, sogenannte Bit-Coins oder Credit-Coins, die man dann z. B. eintauschen kann gegen Vorsorgeuntersuchungen, könnten hier Wunder wirken, meint der Software-Ingenieur. Mit einem derartigen "Belohnungssystem" würde zudem die Big Data-Quelle nur so sprudeln. Schließlich funktionierten die Paybackkarten ja auch ganz prima.

Und was halten Ärzte von Gesundheits-Apps? Einen Nutzen sehen sie laut einer Befragung in der Dokumentation und dauerhaften Aufzeichnung von z. B. Blutdruck- oder Glukosewerten bei chronisch kranken Patienten. Apps könnten zudem die Compliance fördern, insbesondere bei älteren Patienten, die Gedächtnisstützen brauchen.

Was bringt die Zukunft?

Was ist künftig an digitalen Entwicklungen im Gesundheitsbereich vorstellbar? Es könnte so etwas geben wie einen persönlichen, digitalen Avatar, der alle Gesundheitsinformationen enthält, egal wo sie erhoben wurden, erklärte Dr. Schapranow. Dieser Avatar soll aber nicht nur eine Datensammelstelle sein. Er lässt sich auch für die Therapie einsetzen, indem man Simulationen durchführt mit verschiedenen möglichen Therapien und Resistenzen oder etwaige Wechselwirkungen sofort erkennt. Ein Zukunftsszenario könnte so aussehen: Wer sich morgens nicht wohlfühlt, fragt erst mal seinen persönlichen Avatar: "Ich habe Kopfschmerzen. Reicht es, wenn ich eine Tablette nehme, oder soll ich zum Arzt gehen?" Dann bekommt er vielleicht die Antwort: "Der am nächsten gelegene Allgemeinarzt hat einen Termin um 10:15 Uhr frei, ist schon reserviert." Genau so etwas baut Apple gerade, so Dr. Schapranow.

Ein weiteres Gebiet, auf dem wir heute schon relativ weit fortgeschritten sind, sind zentrale digitale Dienste, mit denen etwa Terminvereinbarungen sehr viel komfortabler erfolgen könnten als über Websites, Mail oder Telefon. Im asiatischen Raum benutzen schon heute sehr viel mehr Menschen diese digitalen Dienste als bei uns. Ein weiteres Beispiel für eine digitale Anwendung, die es bereits gibt, die aber hierzulande noch sehr wenig genutzt wird, ist die radiologische Bildverarbeitung. Mit Hilfe eines Computerprogramms können z. B. in einem Röntgenbild verdächtige Bereiche wie ein fragliches Mammakarzinom vorsegmentiert werden – ein Vorgang, der per Hand 15 bis 20 Minuten dauert und den der Computer in weniger als einer Sekunde erledigt. Der Arzt kann sich so hauptsächlich die Befunde genauer anschauen, die vom Computer bereits als verdächtig markiert wurden, die anderen dann nicht so gründlich.

Meine Daten – aber gerne?

Laut einer Umfrage würden die meisten Menschen durchaus gerne ihre Daten für solche Forschungszwecke zur Verfügung stellen, meint Dr. Schapranow. Sie wüssten nur nicht, wie. Sie hätten keine geeigneten Werkzeuge und sie würden nicht gefragt. Ein klassisches Problem in klinischen Studien seien die Einwilligungen zur Datennutzung, die immer nur für einen genau definierten Zweck vorliegen. Für einen anderen Zweck müsse die Einwilligung erneut eingeholt werden (Reconsenting). Mit der heutigen modernen Technik (Smartphone, E-Mail) wäre das heutzutage eigentlich kein Problem mehr, würde aber trotzdem nicht gemacht. In der Pharmaindustrie zahlt man üblicherweise um die 50.000 US-Dollar pro randomisiertem Patienten in einer klinischen Studie, machte Dr. Schapranow klar. Würde man diese Patienten aber erneut kontaktieren, würde das fast nichts kosten.

Zum Thema "Elektronische Gesundheitskarte": Warum eigentlich, so fragte sich Dr. Schapranow, muss das eine Plastikkarte sein, warum kann man diese Informationen nicht auf das eigene Handy speichern? Warum gibt es keine zusätzlichen Dienste, die es dem Patienten ermöglichen, Informationen darüber zu bekommen, wo, wann und bei wem er welche Daten hinterlassen hat? So wäre der Patient nicht nur Datenträger, sondern könnte aktiv seine Daten verwalten. Die Lösung heißt: Gesundheits-Cloud. Verschiedene Ansätze (Microsoft Health, Google Health) sind dabei aber immer wieder an verschiedenen Stellen gescheitert. Der Grund dafür: Man ist nicht vom Patienten ausgegangen, sondern hat von ihm erwartet, dass er sich der Software unterordnet. Solche Datenintegrationszentren sind aber essenziell wichtig, findet Dr. Schapranow, weil man so nicht mit jeder Klinik ganze Datensätze austauschen muss, sondern ein übergeordnetes Zentrum hat, was man nur einmal implementieren muss und dann an alle Klinikdaten herankommt. Eine Datenablage für jeden Bürger, die er selbst kontrollieren kann, wäre die beste Lösung. Daran forscht sein Team.

Können Programme den Arzt ersetzen?

Es geht nicht darum, Ärzte zu ersetzen, so Dr. Schapranow. Es geht darum, ihnen geeignete Werkzeuge an die Hand zu geben. In der breiten Medizin finden selbstständig agierende Programme wie Watson, das KI-System von IBM, das z. B. schon für die Krebsdiagnostik eingesetzt wurde, nicht so viel Anklang. Letztlich muss der Arzt, der ein Programm verwendet, Herr dieses Werkzeugs sein, findet Dr. Schapranow.

Zur Verdeutlichung bemüht der Software-Ingenieur Figuren aus dem Star-Trek-Universum: "Wir können uns entscheiden, ob wir einen Menschen haben wollen, der Technologie als Instrument benutzt, um bessere Entscheidungen zu treffen, wie Dr. McCoy, oder einen Medizin-Computer, der nach bestem Wissen und Gewissen gebaut worden ist, der den Menschen aber als Instrument benutzt, um mit Patienten zu kommunizieren, wie das Hologramm Der Doktor."

Eines steht fest für Dr. Schapranow: "Wir werden uns alle viel mehr mit Gesundheit beschäftigen müssen wie bisher und werden auch immer öfter die Ratschläge der Ärzte hinterfragen. Medizinisches Wissen wird auch Teil der Lehrpläne an Schulen werden." Seine Zukunftsperspektive: Die Steuerzentrale muss der Patient sein und nicht der Medizinbetrieb.



Dr. med. Vera Seifert