Sollte der Hausarzt in seiner Praxis einen Defibrillator vorhalten – und wenn ja, was sollte das Gerät können? Hausarzt Dr. med. Gernot Rüter berichtet aus eigener Erfahrung.

In einer mittelgroßen Hausarztpraxis wird man geschätzt alle fünf Jahre mit Situationen konfrontiert sein, in denen eine Defibrillation nötig werden könnte. Mit ihren vielen, immer häufiger multimorbiden Patienten stellt die Hausarztpraxis dennoch einen Ort dar, an dem häufiger als im allgemeinen Lebensumfeld mit einem reanimationspflichtigen Zustand gerechnet werden muss. Werden in einer Praxis Ergometrien vorgenommen, so gehört der Defibrillator zur Pflichtausrüstung.

In unserer Praxis mit ca. 1 300 bis 1 500 je Vierteljahr behandelten Menschen halten wir seit 35 Jahren einen Defibrillator vor. Trotz regelmäßiger Überwachung der Geräte stellten versagen-

de Akkus immer wieder ein Problem dar. Von den Herstellern wurden verschiedene Regimes zur Akkuschonung empfohlen. Wir setzten teilweise sogar automatische Stromunterbrecher ein. Diese trennten zum Wochenende den "Defi" vom Stromnetz, damit der Akku sich entladen konnte und wieder neu aufgeladen wurde. Auch diese Maßnahme konnte das Problem begrenzter Lebensdauer der Akkus mit jeweils teuren Nachkäufen nicht lösen. Situationen, in denen das Leben eines Patienten von der erfolgreichen Defibrillation abhing und der Akku versagte, mochte man sich lieber nicht ausdenken.

Anlässlich einer Reanimationsfortbildung wurden unserem Team dann die automatischen Defibrillatoren empfohlen, wie sie für die Laienreanimation an viel frequentierten Orten wie etwa Flughäfen heute weithin üblich sind. Ein solches Gerät schafften wir uns daraufhin an.

Zwei Fallbeispiele:

1. Die Patientin raucht ca. 10 Zigaretten täglich seit vielen Jahren. Sie ist eher untergewichtig. Sie arbeitet im Gesundheitswesen. In jüngerer Zeit wird über Parästhesien an den Fingern und Zehen geklagt. Schreiben an der Tastatur und sonstige feinmotorische Anforderungen sind gestört. Verordnete Massagen bewirken keine Besserung, unsere Untersuchung in Richtung Karpaltunnelsyndrom liefert keinen eindeutigen Befund. Vorstellungen beim Neurologen und beim Orthopäden werden konzipiert.

Wenige Tage später wird ein Notbesuch in der Praxis angefordert. Zufällig sind gerade beide Ärzte der Praxis und ein Student im Blockpraktikum anwesend. Die Tochter berichtet, ihre Mutter habe sich plötzlich schlecht gefühlt, ohne explizit Kopfschmerzen angegeben zu haben, sei dann bewusstlos kollabiert und rühre sich nicht mehr. Wir nehmen den automatischen Defibrillator neben den üblichen Notfallkoffern mit und finden die Patientin mit Schnappatmung rücklings auf dem Boden liegend vor. Die Atemfrequenz ist sehr niedrig, der Puls scheint sehr tachykard, geschätzt bei 180/min. Ein peripherer Puls ist zu tasten, eine Blutdruckmessung unterbleibt zunächst. Die Pupillen sind weit und lichtstarr, die Patientin bewusstlos. Die Pads des Defi-Automaten werden aufgebracht, das Gerät analysiert: „Schock nicht empfohlen, Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen“. Unter Herzdruckmassage und Beutelbeatmung (Erstere wird dann eingestellt) bessern sich Herzfrequenz und Atmung. Der inzwischen eingetroffene Notarzt übernimmt, leitet eine Narkose mit Midazolam, Fentanyl und Succinylcholin ein und intubiert die Patientin. Die Pupillen bleiben weit und lichtstarr, Hubschrauber-Transport in die Klinik.

Ursächlich stellt sich eine schwere Subarachnoidalblutung bei Aneurysmata der Hirnbasisarterien heraus. Die Patientin überlebt das Ereignis mit leichten Einschränkungen. Dauerhafte Arbeitsfähigkeit wird allerdings nicht mehr erreicht.

2. Der 62-jährige Mann steht an der Anmeldung unserer Praxis. Er ist uns nur flüchtig als Verwandter einer Patientin bekannt und möchte auch nur deren Versichertenkarte zum Einlesen bringen. Danach wendet er sich zum Gehen und fällt wie ein Baum nach vorne aufs Gesicht. Ich habe gerade für einen Moment die Praxis verlassen, um ein Stockwerk höher etwas zu holen, höre aber den Rumpler und die lauten Hilferufe meiner MFAs und haste in die Praxis zurück.

Zunächst denke ich an einen epileptischen Anfall, drehe den Patienten herum und zerre ihn, was den MFAs nicht gelungen war, aus der Ecke, in die er gestürzt war. Ich stelle Atem- und Pulslosigkeit fest und rufe laut „Reanimation, Notarzt“, während ich schon die Herzdruckmassage beginne. Eine MFA setzt den Alarmruf ab, die andere holt den halbautomatischen Defibrillator. Nach dem Notruf bereitet MFA M. einen venösen Zugang vor, MFA N. bringt zusammen mit mir die Pads des Defis auf. Alles geht sehr schnell. Das Gerät sagt sinngemäß: „Den Patienten nicht berühren, Analyse“ und kurz danach: „Den Patienten nicht berühren, Schock empfohlen“. Ich vergewissere mich, dass niemand den Patienten berührt und löse den Schock aus. „Herz-Lungen-Wiederbelebung fortführen“, empfiehlt das Gerät, was wir auch tun. Inzwischen kümmern sich weitere Mitarbeiter darum, den Patienten von Blicken abzuschirmen. Eine MFA hat mittlerweile die Herzdruckmassage übernommen, ich habe einen Guedel-Tubus gelegt und beatme den Patienten mit dem Ambubeutel; schon hier ist zu spüren, dass er sich wehrt, dass die Spontanatmung in Gang kommt und die Pulse wieder tastbar sind, der Patient wird rosig. Wenig später öffnet er die Augen: „Was ist passiert, wo bin ich“ und witzig: „Bin ich im Paradies, lauter schöne Frauen um mich herum.“ Wenig später trifft die Notärztin ein, da ist die Situation schon relativ entspannt.

Der Patient hat übrigens für das ganze Geschehen eine retro- und antegrade Amnesie, er kann sich später erst wieder an seine Ankunft in der Praxis und dann an das Eintreffen im Krankenhaus erinnern. Es gibt hier überhaupt keine Folgen, außer dass der Patient inzwischen mit einem intrakardialen Defibrillator versorgt wurde. Er war in unsere Praxis unmittelbar vom Kardiologen gekommen, den er wegen Herzrhythmusstörungen konsultiert hatte. Eine Herzkatheter-Untersuchung war schon terminiert worden.

Meine Erfahrungen möchte ich wie folgt zusammenfassen:

  • Trotz Reanimationstrainings bedeutet das Eintreten einer entsprechenden Situation für das Praxisteam eine hohe fachliche und emotionale Belastung.
  • Herkömmliche Defibrillatoren sind durch häufige Akku-Probleme belastet. AED-Defibrillatoren ("automatischer externer Defibrillator") zeigen ihre Funktionstüchtigkeit durch ein grünes Blinklicht an. Nach ihrem Einsatz konnte jeweils erreicht werden, dass die Batterie/Pad-Einheit als Verbrauchsmaterial am individuellen Patienten von den Kassen getragen wurde (ca. 130 Euro).
  • Im Gebrauch ersparen diese Geräte die EKG-Diagnostik, da sie selbsttätig den Rhythmus analysieren und Schocks empfehlen oder nicht. Gerade wenn nur wenige Helfer zur Verfügung stehen, erlaubt die ununterbrochene Durchführung der Herzdruckmassage oft keine gleichzeitige EKG-Diagnostik.
  • Die Empfehlungen aus unserem Reanimationstraining kann ich aus unserer – notwendigerweise begrenzten – Erfahrung bestätigen.



Autor:

Dr. med. Gernot Rüter

Facharzt für Allgemeinmedizin
Chirotherapie, Palliativmedizin, psychosomatische Grundversorgung
71726 Benningen

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