Unter welchen Bedingungen arbeiten Hausärzte in anderen europäischen Ländern? Und was kann man womöglich von ihnen lernen und auf Deutschland übertragen? Damit wollte sich der 2. Internationale Hausärztetag in Bonn beschäftigen. Im Vergleich zum ersten Versuch vor vier Jahren kam man dem Ziel des gegenseitigen Informationsaustausches dieses Mal schon etwas näher.

Der alte Bundestag in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn bot einen geeigneten Rahmen für den angestrebten Dialog mit den Kollegen aus anderen Ländern. Bei der ersten Veranstaltung dieser Art im Jahr 2014 waren die Deutschen allerdings noch mehr oder weniger unter sich geblieben. Diesmal berichteten immerhin Hausärzte aus den Niederlanden, Tschechien und Estland über die Situation der ambulanten Versorgung in ihren Ländern.

Vertrag zwischen Arzt und Patient

So kümmern sich in den Niederlanden rund 11.400 Hausärzte um ihre Patienten, das sind 4,1 für 10.000 Einwohner, berichtete Garmt Postma vom niederländischen Hausärzteverband. In den Niederlanden existiert bereits seit Längerem ein Primärarztsystem, der Hausarzt ist dort der Gatekeeper, der die Patienten lenkt. Es gibt einen Vertrag zwischen Patient und Krankenkasse, in dem gesetzlich klar festgelegt ist, was der Patient von seinem Arzt erwarten darf und umgekehrt. Doch auch in den Niederlanden haben die Ärzte mit einer "Übernutzung" des Systems zu kämpfen, räumte Postma ein. Immer mehr Patienten wollen lieber direkt einen Spezialisten aufsuchen. Gleichzeitig gebe es immer weniger Hausärzte, denn der Beruf sei für junge Ärzte nicht mehr attraktiv, nicht zuletzt auch wegen der enggezogenen finanziellen Grenzen. Die Probleme ähneln also durchaus denen hierzulande.

Extrazahlungen sind Usus

Über die Verhältnisse in Tschechien gaben Dr. Pawel Vychytil und Dr. Martin Schneider Auskunft, zwei junge Hausärzte aus Prag bzw. dem bayerisch-tschechischen Grenzgebiet. In Tschechien gebe es zwar mehrere Krankenkassen, aber keinen privaten Krankenversicherungen. Stattdessen hätten sich sogenannte "Extrazahlungen" der Patienten für spezielle Leistungen etabliert – und das oft am Rande der Legalität.

Die typische Hausarztpraxis in unserem östlichen Nachbarland besteht aus einem Arzt und einer Krankenschwester. Letztere ist allerdings an einer Hochschule ausgebildet und übernimmt zahlreiche Aufgaben. Auf viel Beifall beim hausärztlichen Publikum in Bonn stieß die Tatsache, dass ein Hausarzt in Tschechien für jeden Patienten Geld bekommt, unabhängig davon, ob dieser auch tatsächlich zu ihm kommt oder nicht. Diese "Capitation Fee" führt wohl letztlich auch dazu, dass Hausärzte dort mehr verdienen als Ärzte in der Klinik. Dennoch gibt es auch in Tschechien einen Mangel an Hausärzten auf dem Land. Was möglicherweise auch daran liegen könnte, dass Hausärzte in Tschechien nur über sehr eingeschränkte Kompetenzen verfügen. So dürfen sie z. B. kaum Medikamente wie bspw. Insulin verordnen.

Ärzte kommunizieren digital

Estland wiederum ist bekannt als ein Staat, der bei Fragen der Digitalisierung weltweit ganz vorne mitmischt. Laut dem estnischen Hausarzt Andreas Lasn trifft das auch auf den medizinischen Bereich zu. So gebe es in Estland schon lange sog. E-Services wie z. B. elektronische Konsultationen unter Fachkollegen und mit Spezialisten.

Was die Digitalisierung angehe, könne man von den Esten sicher noch einiges lernen, meinte Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands. Man sehe aber auch, dass es in ganz Europa eine Menge gemeinsamer Herausforderungen gibt, denen man sich stellen müsse. Ein gut funktionierendes Primärarztsystem sei aber eigentlich die optimale Lösung für die bestehenden Probleme, resümierte Weigeldt.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr