Die meisten Patienten in Deutschland kommen mit einer "Grippe" in unsere Praxen, meinen aber eigentlich einen grippalen Infekt oder eine Erkältung. Wie kann der Hausarzt rasch eine Differenzierung vornehmen?

Beratungsproblem: Erkältung
Patienten, die sich mit Husten, Schnupfen oder Halsschmerzen quälen, bevölkern zu dieser Jahreszeit die hausärztlichen Wartezimmer in besonderem Maße. Und sie erwarten sich oft mehr von ihrem Doc als eine AU: die Versicherung, dass es wirklich nur ein banaler Infekt ist, die Verordnung oder wenigstens die Empfehlung eines hilfreichen Medikaments oder Tipps für bewährte Hausmittel, nicht zuletzt einen Rat, wie Ansteckungen künftig vermieden werden könnten. Wie gehen Sie mit diesen Wünschen um und was ist Ihre persönliche Strategie?, haben wir einige Hausärzte gefragt. Die Antworten stellen wir Ihnen in dieser und den nächsten Ausgaben vor.

Von der Symptomatik her bestehen deutliche Unterschiede zwischen "Grippe" und grippalem Infekt. Die Influenza beginnt plötzlich und der Verlauf ist schwerer und langwieriger als ein grippaler Infekt.

Wie lässt sich nun anhand von Symptomen rasch eine Arbeitsdiagnose stellen? Der Virusnachweis dauert schließlich eine Weile und der Patient benötigt schnell Hilfe. In Tabelle 1 sind die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale dargestellt.

Leider zeigt häufig erst der Verlauf der Erkrankung, dass eine Influenza vorliegen könnte [1]. Bei Verdacht und prolongiertem Verlauf kann ein Influenza-Schnelltest [2] eingesetzt werden oder eine entsprechende Laboruntersuchung Klarheit verschaffen. Wichtig ist zudem, die vorgeschriebene Meldepflicht der Influenza zu beachten [3].

Therapie: Influenza/Erkältung

Der Einsatz von Neuraminidasehemmern bei Influenza wird vielfältig diskutiert [4]. Eine Symptomabschwächung bewirken diese Medikamente nur bei einer Gabe zwei Tage nach Symptombeginn. Es ist wichtig zu wissen, dass nicht alle Influenzastämme sensibel auf die medikamentöse Therapie mit Neuraminidaseblockern reagieren. Zu beachten sind teilweise nicht unerhebliche Nebenwirkungen.

Hygienemaßnahmen sind bei beiden Erkrankungen zur Unterbrechung der Ausbreitung geboten und den Patienten zu erklären [3]. Was bleibt ist die symptomatische Therapie mit Antipyretika und Analgetika und das frühzeitige Erkennen einer bakteriellen Superinfektion [5]. Abstriche oder Sputumuntersuchungen erlauben dann eine zielgerichtete Antibiose und sollten frühzeitig durchgeführt werden.

Bewährte Hausmittel

Viele Symptome lassen sich mit bekannten Hausmitteln bei beiden Erkrankungen lindern. Qualifizierte Studien gibt es hierzu keine. Allerdings zeigt die "Medizin" dennoch eine gewisse Wirkung und kann den Erkrankten "guttun". Hier seien nur einige aufgeführt:

  • Wadenwickel gegen Fieber (Vorgehensweise sollte erläutert werden)
  • Inhalieren (Kopf-Dampfbad mit ätherischen Ölen)
  • Tee (Flüssigkeitszufuhr; Holunderblütentee, Lindenblütentee, Ingwertee, Kamillentee, Pfefferminztee, Salbeitee und Tee aus Ginseng. Holunder- und Lindenblüten, Lindenblüten als Expektorans, Ingwer, Ingwer und auch Kamille wirken antiphlogistisch und analgetisch. Ginseng schreibt man roborierende Wirkung zu)
  • Hühnersuppe als Nahrungsmittel und Elektrolytspender
  • Von Schwitzkuren oder Vollbädern sollte wegen der massiven Kreislaufbelastung abgeraten werden.

Arbeitsunfähigkeit?

Die Dauer der Arbeitsunfähigkeit hängt von der Schwere der Erkrankung, dem sozialen und beruflichen Umfeld und dem Risikopotenzial der Patienten ab und sollte individuell erteilt werden.

Antibiotika bei Influenza oder grippalen Infekten?

Antibiotika helfen natürlich primär nicht. Erst bei Superinfektion kommen diese zum Einsatz, am besten nach entsprechender Testung. Häufig ist dies schwer unseren Patienten klarzumachen. Eine entsprechende Patientenführung und Befundkontrolle erleichtert die Diskussion erheblich.

Naturheilmedikamente?

Häufig haben unsere Patienten, bevor sie in die Praxis kommen, Vielfältiges aus dem Bestand der Pharmazie ausprobiert, manchmal ganze Batterien von frei verkäuflichen Medikamenten – Sekretolytika, Expektorantien, Bronchialtee, Immunstimulanzien, Vitamine, um nur einige zu nennen. Die Erfahrungen mit Naturheilmitteln oder Homöopathika [6] zur Behandlung von Grippesymptomen sind sehr uneinheitlich und in validen Studien kaum erfasst. Allerdings besitzen unsere Kollegen, die sich schwerpunktmäßig mit Naturheilverfahren und/oder Homöopathie beschäftigen, einen umfangreichen Erfahrungsschatz, den man ernst nehmen sollte.

Fazit

Der Versuch einer klaren Differenzialdiagnose und abgestimmten Therapie bei Influenza respektive grippalen Infekten ist zielführend. Hier spielt die medizinische Erfahrung in der Hausarztmedizin eine große Rolle. Polypragmasie und Polypharmazie sollten vermieden werden, genauso wie der verfrühte Einsatz einer Antibiose. Impfung ist der beste Schutz vor einer Influenza. Patientenführung und Aufklärung verhindern Komplikationen und lassen eine Verschlimmerung frühzeitig erkennen.


Literatur:
(1) Eccles R: Understanding the symptoms of the common cold and influenza. Lancet Infect Dis 2005; 5(11): 718-725
(2) Influenza Schnelltestliste www.rki.de
(3) RKI-Ratgeber für Ärzte. Influenza (saisonale Grippe). DOI 10.17886/EpiBull-2016-011.2
(4) Moscona A: Neuraminidase inhibitors for influenza. N Engl J Med 2005; 353(13): 1363-1373
(5) Heikkinen T et al: The common cold. Lancet 2003; 361(9351): 51-59
(6) T. Dingermann u. a.: Kompendium Phytopharmaka. Qualitätskriterien und Verordnungsbeispiele. 7., völlig neu bearbeitete Auflage, Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7692-6211-7
Beratungsproblem Erkältung

Bisher erschienene Beiträge:

Teil 1: Dr. Meyers Viren-Waffen

Teil 2: Nicht ohne Karmelitergeist

Teil 3: Grippe oder grippaler Infekt?




Autor:

Dr. med. Michael Leistner

Facharzt für Allgemeinmedizin, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin
Universitätsmedizin der Universität Mainz, MEDICI WIESBADEN, Akademische Lehrpraxis der Universitätsmedizin Mainz
65183 Wiesbaden

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.