Seit dem Einmarsch der Sowjetarmee im Jahre 1979 kommt Afghanistan nicht mehr zur Ruhe. Für die Menschen dort reiht sich Krise an Krise, und darunter leidet nicht zuletzt auch die Gesundheit. Dabei liegt auch die medizinische Versorgung im Argen. In der Hauptstadt Kabul wird nun aber seit ein paar Jahren ein medizinischer Stützpunkt aufgebaut. Der Deutsche Hausärzteverband unterstützt dieses Projekt. Jetzt werden Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeinmedizin gesucht, die vor Ort mitmachen und afghanische Kollegen ausbilden wollen.

In Afghanistan werden die Menschen meist nicht sehr alt. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag vor zehn Jahren bei etwa 46 Jahren, heute soll sie laut afghanischen Behörden auf 60 Jahre gestiegen sein. Auch die Säuglingssterblichkeit ist hoch, jedes fünfte Kind wird keine fünf Jahre alt. Die medizinische Grundversorgung ist mehr als lückenhaft, vor allem in den ländlichen Gebieten. Auf einen Arzt kommen schätzungsweise 6 000 bis 7 000 Menschen.

Auch im Jahre 2014 ist nicht einmal in der Hauptstadt Kabul die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung gesichert. Diese Feststellung machte der ausgebildete Arzt Dr. Yahya Wardak in den letzten Jahren im Rahmen seiner verschiedenen Reisen in sein Heimatland sowie seiner Tätigkeit als Experte beim Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM). Dabei fehlt es nach seiner Einschätzung nicht vorrangig an großen medizinischen Einrichtungen wie Spezialkliniken und Krankenhäusern, sondern eher an einem Netz funktionierender ärztlicher Grundversorgung in Wohnortnähe. Für weite Teile seien die einfache medizinische Untersuchung durch kompetente Ärzte, die Basisbehandlung chronischer Erkrankungen, vor allem auch die frühzeitige Erkennung von Krankheiten bei Kindern nicht gesichert. Zwar gibt es einige kostenfreie staatliche Kliniken, diese sind jedoch nicht flächendeckend und von sehr schlechter Qualität.

Ein Ärztehaus für die Bevölkerung

Dr. Wardak, der in Deutschland gearbeitet hat, begann deshalb vor ein paar Jahren mit dem Aufbau eines ärztlichen Projekts in einem unterversorgten Stadtteil von Kabul. Dort ist inzwischen ein Ärztehaus mit vielen Räumen entstanden mit Platz für einen Hausarzt, einen Kinderarzt, einen Gynäkologen und einen Zahnarzt. Die Tagesklinik soll sich langfristig selber tragen und mit afghanischen Kollegen besetzt werden. Der Deutsche Hausärzteverband unterstützt dieses Projekt. Um die einheimischen Kollegen anzuleiten und weiterzubilden sollen deutsche Hausärzte nach Kabul kommen. Sie sollen vermitteln, wie eine kontinuierliche Versorgung und längerfristige Praxisorganisation aussieht. Nach Ansicht von Dr. Wardak besitzen gerade die deutschen Hausärzte dieses Know-how. Wünschenswert wäre aber auch, afghanische Kollegen zur Hospitation nach Deutschland zu holen. Dr. Wardak stellt sich ein effizientes System der medizinischen Grundversorgung vor, das nach Gesichtspunkten der „best practice“ der Bevölkerung auch außerhalb der Zentren afghanischer Städte eine dauerhafte Versorgung zukommen lasse. Seine Vision: Ausgebildete Ärzte kooperieren fachübergreifend in einem „Ärztehaus“ (Medical Aid Point); die Patienten werden zunächst in einer Art von „Tagesklinik“ durch einen Allgemeinarzt – ähnlich dem deutschen Hausarzt – untersucht und bei Bedarf an Fachärzte im Hause weitergeleitet. Die interdisziplinäre Praxis könnte die medizinische Versorgung dort enorm verbessern – und Schule machen: „Vielleicht gelingt uns ein Referenzprojekt für weitere Gesundheitszentren in Afghanistan“, hofft Wardak. Darüber hinaus erhofft sich Wardak, dass der Medical Aid Point auch dabei helfen könnte, ein Hauptproblem der Gesundheitsversorgung in Afghanistan zu lösen: „Medizinstudierende bekommen kaum praktische Ausbildung. Sie können später in ihren kleinen Praxen keine sehr gute Medizin anbieten. Wir können die Arztleistung enorm verbessern“, so Wardak. „Hausärzte aus Deutschland können in Kabul mithelfen, Kollegen in einer Kleinpraxis zu schulen. Ausstattung, Diagnosemethoden und Praxisabläufe sind wertvolles Wissen!“, wirbt Dr. Wardak für die Idee.

Im Urlaub nach Afghanistan

Als wichtigen Bestandteil des Konzeptes sehen die Initiatoren ein partnerschaftliches „On-the-job-Training“ durch deutsche Allgemeinmediziner und Fachärzte an, die bereit sind, für einen Teil ihres Urlaubs als Ausbilder ihren afghanischen Kollegen zur Seite zu stehen. Ihnen werden lediglich die Reise- und Logiskosten erstattet. Interessenten sollten möglichst bereits erste Erfahrungen aus einem "Dritte-Welt-Land" mitbringen, zumindest als Tourist, um nicht durch den sonst unvermeidlichen „Kulturschock“ während ihres relativ kurzen Einsatzes zu sehr beeinträchtigt zu werden. Sie sollten auch die Bereitschaft und Fähigkeit mitbringen, ihren lokalen Partnern, die noch keine Fachausbildung erhalten konnten, im Rahmen von „Learning by Doing“ ihre eigenen Erfahrungen am Patienten zu vermitteln. Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in Afghanistan ist die Bewegungsfreiheit der ausländischen Gäste selbst in Kabul eingeschränkt. „Aber es gibt auch ein ganz normales Leben dort von fünf bis sechs Millionen Menschen, die jeden Tag zur Arbeit gehen, einkaufen, sich auf der Straße treffen“, erklärt der afghanische Arzt, der nach seinem Studium an der Universität Heidelberg zwischen Deutschland und Afghanistan pendelt und zudem die Bonner Organisation Afghanic leitet, die medizinische Lehrbücher in den Landessprachen publiziert und an die medizinischen Fakultäten in Afghanistan verteilt.

Selbst ein Bild von der Situation machen konnte sich im Juni 2013 Dr. Winfried Dresel, Allgemeinmediziner aus Warngau in Bayern. Eine Woche lang besuchte er Kabul, um sich das Umfeld der Tagesklinik anzusehen. „Die Tage in Kabul waren geprägt von großer Gastfreundschaft und einem menschlichen Miteinander.“

„In der Hausarztpraxis in Kabul wird man auf ein sogenanntes unausgelesenes Krankengut treffen, es wäre eine große Herausforderung, dort zu arbeiten. Wir können zur Organisation einer Praxis gut beitragen, umgekehrt wäre es für uns erlebens- und lernenswert, wie Krankheiten in einem anderen soziokulturellen Kontext zu verstehen sind. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Kollegen finden würden, um diese hervorragende Idee und das begonnene Projekt zu unterstützen“, berichtet Dr. Dresel. Er selbst würde gern wieder, gepaart mit der nötigen Zurückhaltung und Vorsicht, nach Kabul gehen. Die Arbeit sei herausfordernd – doch die Begegnungen und die Freundlichkeit, auf die man trifft, seien eine Bereicherung.

Wer Interesse an einer Tätigkeit in der „Hausarztpraxis“ in Kabul hat, findet auf den Internetseiten http://www.afghanic.de und http://www.dewanbegi-clinic.org weitere Informationen. Auch über Spenden würde sich Afghanic e. V. freuen: Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE59 3705 0198 1902 0838 96, BIC: COLSEDE33XXX.

Dr. Ingolf Dürr