Trotz weltweiter intensiver Bemühungen gibt es bis heute kein zugelassenes Arzneimittel mit der Indikation: Virustatikum bei COVID-19. Auffällig sind die zurzeit zahlreichen Publikationen in der Fach- und Verbraucherpresse über Immunstimulanzien (Mineralstoffe, Vitamine) und auch Pflanzen mit antiviralen Eigenschaften. Sie sollen dem Leser den Eindruck vermitteln, durch eine Einnahme dieser Präparate einer Corona-Infektion vorbeugen bzw. diese therapieren zu können. Doch hierfür liegen keine klinischen Nachweise vor. Trotzdem gibt es eine Heilpflanze, deren signifikante antivirale Wirkung für die weitere wissenschaftliche Erforschung der Therapie von COVID-19 interessant sein dürfte – das Süßholz.

Um die weltweite Nachfrage nach Süßholz zu befriedigen, sind seit 2005 drei Glycyrrhiza-Arten als Droge zugelassen: Glycyrrhiza uralensis, Glycyrrhiza inflata (Chinesisches Süßholz) und Glycyrrhiza glabra (russisches oder spanisches Süßholz). Als Droge Süßholzwurzel (Liquiritiae radix) werden die getrockneten, ungeschälten oder geschälten Wurzeln und Ausläufer der drei Glycyrrhiza-Arten bezeichnet. Die geschälte Wurzel ist auffallend gelb gefärbt und der Geschmack intensiv süß. Die Droge stammt aus Kulturen und wird vor allem aus China, Russland, der Türkei sowie aus Italien, Bulgarien und Spanien importiert. Glycyrrhiza glabra ist ein bis über einen Meter hoher Strauch mit unpaarig gefiederten Blättern und blaulila, violett oder weißrosa gefärbten Blütentrauben.

Positiv-Monografie der Kommission E

Die Süßholzwurzel gehört zu den weltweit am besten untersuchten Drogen. Bis jetzt wurden ca. 400 Inhaltsstoffe beschrieben. Die wichtigsten sind:
  • 2 – 15 % Triterpensaponine: mindestens 4 % Glycyrrhizinsäure (GZ), Diglucuronid der Glycyrrhetinsäure (GA), z. T. als Kalium- und Kalziumsalze vorliegend
  • 1 – 2 % Flavonoide: darunter das gelb gefärbte Isoliquiritin u. a.
  • Saure Polysaccharide
  • Sterole, Cumarine, flüchtige Aromastoffe, mineralische Bestandteile, Zucker und Stärke

Für Extrakte aus der Süßholzwurzel bzw. einzelne Inhaltsstoffe konnten folgende Effekte nachgewiesen werden:

Antiphlogistisch: GZ hemmt die Prostaglandinsynthese und selektiv auch die Lipoxygenase. Als weitere Eigenschaften konnten in Testmodellen antimikrobielle, antivirale, antioxidative, spasmolytische, hepato- und zytoprotektive, neuroprotektive, immunstimulierende und Anti-Tumor-Effekte nachgewiesen werden.

Als Anwendungsgebiete empfiehlt die Kommission E in ihrer Positiv-Monografie für die Süßholzwurzel:
  • Katarrhe der oberen Luftwege
  • Ulcus ventriculi oder duodeni

Die Anwendung als Sekretolyticum und Expectorans dürfte auf der Senkung der Oberflächenaktivität und Viskosität von Mucin durch die Saponine beruhen. Bei Geschwüren im Magen-Darm-Trakt wirkt GZ bzw. GA schleimhautprotektiv. Es kommt zu einer Normalisierung der gestörten Schleimhautzusammensetzung, was die Abheilung von Magengeschwüren fördert. Durch Hemmung des Prostaglandinabbaus erhöht sich die Prostaglandinkonzentration in der Magenschleimhaut, was die Schleimproduktion anregt. Andere Heilpflanzen-Monografien erlauben für die Süßholzwurzel noch weitere Indikationen, wie z. B. allergische Reaktionen, Rheuma, vorbeugend vor Leberschäden, Tuberkulose-Behandlung u. a. m.

Lakritze – Konfekt und Arzneimittel

Lakritze ist ein beliebtes Konfekt, das in den verschiedensten Farben und Formen im Handel ist. Zur Gewinnung werden die geschälten Süßholzwurzeln fein zerkleinert und mit Wasser stundenlang gekocht.

Das Ergebnis ist ein braunschwarzer zähflüssiger Extrakt, der in Formen gegossen wird, wo er erstarrt. Als Konfekt werden der Lakritze Mehl, viel Zucker, Stärkesirup, Gelatine und bei Bedarf auch Farbstoffe zugesetzt, weshalb der Lakritze-Gehalt nur 5 bis 50 % beträgt. Hochwertige Lakritze mit wenigen Zusatzstoffen (Succus Liquiritiae), die den Bestimmungen des Europäischen Arzneibuches entspricht, führen Apotheken. Hier liegt der Gehalt zwischen 5 und 7 % GZ. Bei Erkältungskrankheiten gilt ein Tee aus Süßholzwurzel – oder nach Prof. Schilcher Lakritze aufgelöst in heißer Milch – als bewährtes Mittel [1]. Die mittlere Tagesdosis als Tee liegt hier bei 5 bis 15 g Süßholzwurzel, entsprechend 200 bis 300 mg Glycyrrhizin. Und bei Succus Liquiritiae sollte die Tagesdosis zwischen 0,5 und 1 g eingehalten werden. Bei säurebedingten Magenbeschwerden – vor allem Sodbrennen – sowie bei Ulcus ventriculi/duodeni ist das Lutschen von Succus Liquiritiae zu empfehlen! Hier liegt die Tagesdosis zwischen 1,5 und 3 g.

Wichtige Hinweise

Bei längerer Anwendung und höherer Dosierung (Tagesdosis über 500 mg GZ) können mineralokortikoide Effekte in Form einer Natrium- und Wasserretention, Kaliumverlust mit Hochdruck, Ödeme und Hypokaliämie und in seltenen Fällen Myoglobinurie auftreten. Als Gegenanzeigen sind cholestatische Lebererkrankungen, Leberzirrhose, Hypertonie, Hypokaliämie, schwere Niereninsuffizienz und Schwangerschaft zu beachten. Kaliumverluste können bei gleichzeitiger Gabe von Thiazid- und Schleifendiuretika verstärkt werden. Ebenso nimmt die Empfindlichkeit gegen Digitalisglykoside zu. Ohne ärztlichen Rat sollte die Anwendung von Süßholz und seinen Produkten nicht länger als vier bis sechs Wochen erfolgen.

Süßholz – ein pflanzliches Virustatikum

In den letzten Jahren ist das Interesse an der antiviralen Wirkung der Glycyrrhizinsäure (GZ) stark gewachsen. Im Darm wird GZ zu Glycyrrhetinsäure (GA) hydrolysiert und vollständig resorbiert. In vitro konnte durch GZ eine Hemmung des Wachstums einer ganzen Reihe von DNA- und RNA-Viren nachgewiesen werden, wie z. B. HIV-1, Hepatitis A, B, C, (HAV, HBV, HCV), Herpes simplex Typ 1, das Epstein-Barr-Virus, ferner Flaviviren (Gelb- und Dengue-Fieber, Hirnhautentzündung) und Coronaviren (SARS-CoV). Die Erreger der SARS-Pandemie 2002/2003, der MERS-Epidemie ab 2012 und der aktuellen COVID-19-Pandemie gehören alle zur Virusfamilie der Coronaviridae. Wissenschaftler der Uni Frankfurt veröffentlichten 2003 ihre Forschungsergebnisse: "Wir untersuchten das antivirale Potenzial von Ribavirin, 6-Azauridin, Pyrazofurin, Mycophenolsäure und Glycyrrhizin gegen zwei klinische Isolate des Coronavirus (FFM-1 und FFM-2) von Patienten mit SARS, die im klinischen Zentrum der Universität Frankfurt aufgenommen wurden. Von allen Verbindungen war Glycyrrhizin am aktivsten bei der Hemmung der Replikation des SARS-assoziierten Virus. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Glycyrrhizin zur Behandlung von SARS untersucht werden sollte." [2] Und "Die Welt" titelte am 23.6.2003 begeistert: "In Lakritze steckt der SARS-Stopper" [3].

Die Autoren Sticher, Heilmann und Zündorf schreiben in ihrem bekannten Fachbuch [4]: "GZ verminderte dabei nicht nur die Virusreplikation, sondern auch die Adsorption des Virus an und die Penetration in die Wirtszelle. Am wirksamsten war GZ, wenn die Substanz sowohl während wie auch nach der Adsorptionsphase an die Wirtszelle verabreicht wurde. Als Wirkungsmechanismus wird die Hemmung bzw. die Induktion von Botenstoffen des Zellstoffwechsels postuliert." Weitere Wirkungen von Süßholzextrakten und ihren Inhaltsstoffen sowie ihre Wirkungsmechanismen sind in der Diskussion (Bindung des Angiotensin-Converting-Enzyms II, Herunterregulierung proinflammatorischer Zytokine, Inhibition der Akkumulation intrazellulärer reaktiver Sauerstoffspezies (ROS), Induktion von endogenem Interferon u. a.). Die Wahrscheinlichkeit liegt nahe, dass ein bei SARS-CoV-1 wirksames Virustatikum auch bei SARS-COVID-19, dem Virus, das seit 2019 eine Pandemie auslöst, wirksam sein könnte. Denn bei SARS wie auch bei MERS zeigten die Erkrankten ähnliche Symptome, wie sie heute bei COVID-19-Patienten auftreten: Husten, Schnupfen, Halskratzen und Fieber. Bei bereits geschwächten Patienten können Atemprobleme und Lungenentzündung auftreten, die ein lebensbedrohliches Lungenversagen auslösen.

Fazit
Der vorliegende Beitrag ist keine Empfehlung für die Anwendung von Süßholzwurzel bzw. Lakritze zur Prophylaxe und Therapie von COVID-19. Er will aber auf das herausragende antivirale Potenzial dieser Heilpflanze hinweisen. Die Wissenschaft sollte sich der Süßholzwurzel annehmen, um in humanpharmakologischen Studien die Wirksamkeit bei COVID-19 zu prüfen.


Literatur
1. Schilcher, H.: Phytotherapie in der Kinderheilkunde, Wiss. Verlagsgesellschaft Stuttgart 1999
2. Cinatl J., Morgenstern B., Bauer G., Chandra P., Rabenau H., Doerr HW: Glycyrrhizin, an active component of liquorice roots, and replication of SARS-associated coronavirus, Lancet. 2003 Jun 14;361(9374):2045-6
3. www.welt.de/print-welt-article241758/In-Lakritze-steckt-der-SARS-Stopper.html
4. Sticher, Heilmann, Zündorf: Hänsel/Sticher Pharmakognosie Phytopharmazie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2015


Autor:

Ernst-Albert Meyer

Fachapotheker für Offizin-Pharmazie und Medizin-Journalist
31840 Hessisch Oldendorf