Wie wichtig eine gute ambulante und vor allem primärärztliche Versorgung ist, zeigt gerade der Verlauf der Corona-Pandemie. Zwar stehen hier die Krankenhäuser im Fokus, weil schwerkranke COVID-19-Patienten eben dort landen. Weniger Beachtung findet hingegen, wie gut die niedergelassenen Ärzte diese immense Herausforderung in ihren Praxen gemeistert haben. Da kann man KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister uneingeschränkt Recht geben, wenn er stellvertretend für die ambulant tätigen Ärzte feststellt: "Gemeinsam können wir Krise".

Hausärzte an vorderster Front

Was er leider nicht explizit herausgestellt hat: Gemeinsam können insbesondere die primärärztlich tätigen Ärzte Krise. Denn die hausärztlich tätigen Ärzte waren es, die bisher in dieser Pandemie im ambulanten Bereich das meiste zu schultern hatten, weil Patienten mit ersten (Verdachts-)Symptomen dort zumeist erst einmal gelandet sind. Um dieser Herausforderung gerecht werden zu können, mussten die Hausärzte den schwierigen Spagat meistern, die Praxisstrukturen an die neuen hygienischen und organisatorischen Abläufe anzupassen und andererseits den normalen Regelbetrieb aufrechtzuerhalten. Trotz äußerst unzureichender Bedingungen (fehlende Schutz-
ausrüstung, unklare Regelungen in Bezug auf Abstriche oder Atteste, unzureichend ausgestaltete Digitalisierung) war dies ein schmaler Grat, den aber die Primärärzte mit Bravour gemeistert haben. Und auch die OECD hat in ihrem jüngsten Bericht "Realising the potential of primary health care" festgestellt, dass eine gut funktionierende primärärztliche Versorgung "Leben retten und Geld sparen kann".

Umso mehr verwundern daher die weiteren Analysen des OECD-Reports, nach denen in vielen Ländern der Anteil der in der primärärztlichen Versorgung tätigen Ärzte sinkt. In Australien, Dänemark, Großbritannien oder Israel zwischen 2010 und 2017 um satte 20 %, in Deutschland immerhin noch um 14 %. Das hat Folgen, z. B. bei der Prävention. In einigen OECD-Staaten hat sich der Umfang präventiver Tätigkeiten seit 1993 fast halbiert. Hierzulande konnte dieser Einbruch dank vermehrter Impfungen und eines umfassenden Vorsorge- und Früherkennungsprogramms zwar verhindert werden. Doch lässt die Vergütung dieser für Primärärzte typischen Leistungen ja bekannterweise weiter arg zu wünschen übrig.

Weichen für ein Primärarztsystem stellen

Generell mangelt es hierzulande nach wie vor an intelligenten integrierten, sektorübergreifenden und digital unterstützten Versorgungsmodellen, die auf festen primärärztlichen Strukturen basieren. In Israel und Großbritannien werden solche Modelle wenigstens finanziell gefördert, in Chile und den Niederlanden unter bestimmten Pay-for-Performance-Bedingungen mit Versorgungszielen verknüpft und in Deutschland zumindest durch die Haus- und Facharztverträge – im wahrsten Sinne des Wortes – selektiv angeboten. Doch der große Wurf fehlt weiterhin. Die Weichen hin zu einer verbindlicheren primärärztlichen Versorgung werden schlichtweg nicht gestellt, obwohl auch die OECD genau dies für den richtigen Weg hält. Wie viele Belege benötigen die Politiker in den jeweiligen Staaten und auch bei uns eigentlich noch, um Primärärzte endlich auch als primär anzusehen und danach zu handeln,


fragt sich

Raimund Schmid