Verletzungen an der Hand werden gelegentlich übersehen, falsch eingeschätzt oder fehlerhaft therapiert. Dieser Artikel gibt einen Überblick über häufig vorkommende Handverletzungen, die vom Hausarzt primär versorgt werden können. Außerdem werden Gesichtspunkte bei der Weiterbehandlung nach Erstversorgung in der Klinik sowie mögliche Präventionsmaßnahmen erörtert.

Kasuistik: Der Katzenbiss
Es ist Montagnachmittag und Ihnen gegenüber sitzt eine Patientin, die am Vormittag von ihrer Katze in Daumen und Zeigefinger gebissen wurde. Zudem zeigen sich Kratzspuren im Bereich des Unterarmes. Sie stellen fest, dass es verschiedene kleine Einstichstellen an der Beugeseite des Daumens und der Streckseite des Zeigefingers gibt. Die Wunden sind randständig gerötet und die Bisskanäle verklebt. Die Palpation zeigt, dass bereits ein ausgeprägter Druckschmerz im Bereich des beugeseitigen Daumens besteht. Der Zeigefinger ist nur leicht druckschmerzhaft. Aufgrund der oft atypischen Keimbelastung bei Bissverletzungen von Tieren und Menschen kommt es sehr häufig zu schweren Infektionen. Diese können gerade an der Hand aufgrund der Anatomie der Beugesehnen und Sehnenscheiden sehr schnell fortschreiten. Als Erstmaßnahme der hausärztlichen Versorgung wäre hier die oberflächliche Reinigung der Wunde sowie die Anlage einer Schiene zur Ruhigstellung sinnvoll. Zur Reinigung eignet sich z. B. NaCl. Damit können Wunden gefahrlos gereinigt werden. Auf Octenisept® sollte möglichst verzichtet werden, da die falsche Anwendung zu Nekrosen führen kann. Es sollte nur oberflächlich verwendet und keinesfalls unter Druck in Wunden eingebracht werden.

Neben der Ruhigstellung ist die Antibiose ein wichtiger erster Therapieschritt. Sofern keine Allergie gegen Penicillin besteht, wäre u. a. ein Breitspektrum-Antibiotikum wie z. B. Amoxicillin/Clavulansäure 875/125 mg zwei- bis dreimal täglich zu verordnen. Am Folgetag sollte die Patientin wieder einbestellt und die Wunde und die Beschwerden evaluiert werden. Bei einer Verschlechterung wäre die direkte Überweisung zum niedergelassenen Handchirurgen oder in eine handchirurgische Abteilung sinnvoll. Dann könnten Maßnahmen wie die Wunderöffnung und Exzision der Bissränder oder eine operative Versorgung erfolgen.

Neben Bissverletzungen können vor allem Verletzungen primär versorgt werden, für die keine weitere Bildgebung, wie z. B. ein Röntgenbild, benötigt wird. Nicht immer lässt sich die Notwendigkeit einer Bildgebung jedoch sicher ausschließen. Ein Beispiel: Ein rein tendinöser Strecksehnenausriss auf Höhe des Endgliedes kann konservativ mit einer Ruhigstellung, z. B. in einer Stack´schen Schiene, versorgt werden. Bei einem knöchernen Strecksehnenausriss, abhängig von der Größe des knöchernen Fragmentes, kann jedoch auch eine Operation angezeigt sein.

Für die reine Schnittverletzung an der Hand oder den Fingern ist meist keine bildgebende Diagnostik erforderlich. Die Versorgung kann nach einer ausführlichen klinischen Untersuchung vom Hausarzt durchgeführt werden. Eine antibiotische Abdeckung ist je nach Größe und Verschmutzungsgrad der Wunde sinnvoll. Sie ist zu empfehlen bei Verletzungen mit keimbelastetem Schneidewerkzeug, wie einem Messer, mit dem zuvor Fleisch, Fisch o. Ä. bearbeitet wurde. Generell gilt: Die Indikation einer Antibiose sollte kritisch geprüft werden. Nicht jede Schnittverletzung muss, auch wenn sie bedingt verunreinigt ist, antibiotisch therapiert werden.

Bei der Untersuchung ist darauf zu achten, dass keine Schädigungen der Streck- und Beugesehnen und keine Verletzung wichtiger Finger- bzw. Handnerven eingetreten sind:
  • Prüfung der Strecksehne: Streckung des Fingers, auch gegen Widerstand
  • Prüfung der Beugesehnen: Prüfung der oberflächlichen (Flexor digitorum superficialis, FDS) und der tiefen Beugesehnen (Flexor digitorum profundus, FDP)
  • Prüfung der Fingernerven: Testung jeweils des radial- und ulnarseitigen Fingernerven
  • Prüfung des Kapselbandapparates: Stabilitätsprüfung der Seitenbänder und der Gelenkkapsel von Grund-, Mittel- und Endgelenken

Im Zweifel gilt: Zweitmeinung beim Handchirurgen einholen!

Nachbehandlung beim Hausarzt

Patienten werden häufig im Krankenhaus erstversorgt und zur anschließenden Therapie zum niedergelassenen Hausarzt geschickt. Das weitere Vorgehen ist dann mitunter nicht klar definiert und strukturiert angegeben. So werden konservativ zu behandelnde Frakturen oft aus Angst vor sekundären Luxationen zu lange und invasiv ruhiggestellt. In vielen Fällen kommt es daraufhin zu Kontrakturen der Fingergelenke und des Handgelenkes, die mit intensiver, langwieriger Hand- und Physiotherapie korrigiert werden müssen. Grundsätzlich sollte auf eine freie Mobilisation der Grund-, Mittel- und Endgelenke der Finger geachtet werden, da hier sehr oft Kontrakturen entstehen. Im Zweifel gilt auch hier: Rücksprache mit dem Erstversorger halten bzw. Zweitmeinung beim Handchirurgen einholen, um Folgeschäden zu vermeiden.

Prävention von Handverletzungen

Bei der Prävention von Arbeitsunfällen wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten große Fortschritte erzielt. Es gibt wirksame gesetzliche Bestimmungen im Rahmen des Arbeitsschutz- und des Arbeitssicherheitsgesetzes, und es wurden wichtige Standards für die Sicherheit am Arbeitsplatz errichtet. Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Betriebsärzte beispielsweise leisten in Unternehmen Aufklärungs- und Beratungsarbeit. Daneben klären Berufsgenossenschaften und Versicherungsträger mit Veranstaltungen, Projekten und Kampagnen über die Wichtigkeit der Unfallprävention auf und leisten damit einen sinnvollen Beitrag zur Etablierung einer "Präventionskultur".

Präventionsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie (DGH)
2018 hat die DGH die Prävention von Verletzungen beim Heimwerken zum Schwerpunktthema der Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Gemeinsam mit der DGU wurde die Aktion "Schütz Deine Hände!" ins Leben gerufen. Ein Ratgeber-Flyer zum sicheren Heimwerken wurde veröffentlicht, das Thema wurde auf den Websites, in den sozialen Medien und in der Pressearbeit der Fachgesellschaften publiziert. Ziel ist es, über die verschiedenen Kanäle möglichst viele verschiedene Menschen zu erreichen. Der Flyer richtet sich vor allem an Heim- und Handwerker.

Beim Heimwerken ist das Tragen von Schutzhandschuhen sehr wichtig. Diese sollten abhängig von der geplanten Tätigkeit sorgfältig ausgewählt werden. Besonders bei der Arbeit mit Schneidewerkzeugen und Kreissägen kommt es zu vielen schweren Verletzungen. Deshalb wurde hier der Fokus auf Werkzeug und Maschinen gelegt.

Ein wichtiges Präventionsthema der DGH ist auch die Vermeidung von Handverletzungen beim Abfeuern von Böllern und Raketen an Silvester. In der Silvesternacht behandeln Handchirurgen jährlich die meisten Patienten. Oft erleiden Betroffene Verletzungen, die ihre Lebensqualität langfristig beeinträchtigen.

Hier ein Absatz aus dem Flyer zum Thema Schneidewerkzeuge:

Messer, Cutter, Heckenscheren: Bei der Arbeit mit Messern und Klingen ist besondere Umsicht geboten; Schnitt- und Stichwunden zählen zu den häufigsten Verletzungen der Hand. Unfälle lassen sich verhindern, wenn auf geeignetes Werkzeug und wirksame Schutzmaßnahmen geachtet wird.
  • Nur mit Sicherheitsmessern arbeiten! Sie haben verdeckte Klingen oder einen automatischen Klingenrückzug.
  • Gutes Werkzeug einsetzen! Stumpfe Messer sind gefährlicher als scharfe. Abgenutzte Klingen entfernen oder nachschleifen.
  • Schnittfeste Schutzhandschuhe tragen!
  • Schneidwerkzeuge mit ergonomischem, gummiertem Griff nutzen.
  • Messer ohne automatischen Einzug sofort wieder in die Schutzstellung zurückbringen, keine Messer mit feststehender Klinge verwenden.
  • Offene Klingen sofort wegräumen, scharfes und spitzes Werkzeug in speziellen Werkzeugtaschen aufbewahren.

Eine der häufigsten Ursachen für Handverletzungen ist der Einsatz von falschem bzw. zweckentfremdetem Werkzeug. Gefährlich wird es auch, wenn Fehleinschätzung, Konzentrationsmangel und Zeitstress zusammenkommen.

Was kann der Hausarzt tun?

Der Hausarzt sollte
  • mit Handchirurgen eine Infrastruktur schaffen, die eine gute Zusammenarbeit ermöglicht, um die Versorgung handchirurgischer Patienten zu verbessern, und zudem eng kooperieren bei der Versorgung von scheinbar einfachen Verletzungen
  • postoperatives Management nach ambulanten und stationären Eingriffen festlegen
  • im Zweifel das "Netzwerk Handchirurgie" kontaktieren (https://www.dg-h.de/).

Netzwerk Handchirurgie
Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie e.V., Geschäftsstelle Straße des 17. Juni 106–108, 10623 Berlin, Tel. 030 / 340 6036 66, sekretariat@dg-h.de



Autoren:

Dr. med. Thomas Brockamp

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Orthopaedicum Coesfeld
48653 Coesfeld

Dr. med. Walter Schäfer
Kreiskrankenhaus Gummersbach, Klinik für Orthopädie und
Unfallchirurgie, Hand-, Fuß- und Wiederherstellungschirurgie
51643 Gummersbach

Interessenkonflikte: Die Autoren haben keine deklariert