Hausärzte auf dem Land gelten als eine aussterbende Spezies. Denn viele Ärzte sind im Rentenalter, finden aber niemanden, der ihre Praxis übernehmen möchte. Dabei sei Landarzt ein toller Job mit hervorragendem Verdienst, ausgezeichneten Lebensbedingungen und guten Arbeitszeiten, meint Wolfgang Christ, Allgemeinarzt aus Ochsenhausen im Landkreis Biberach. Er ist 65 Jahre alt und würde gern in Ruhestand gehen, aber auch er findet keinen Nachfolger für seine Praxis. Wir sprachen mit ihm über die Gründe für den Landärztemangel und warum er einen ungewöhnlichen Weg geht, um einen Nachfolger zu suchen.

Herr Christ, wie sieht denn die Situation der Hausärzte in Baden-Württemberg aus?

Die Kassenärztliche Vereinigung Württemberg unterhält Förderprogramme zur Ausbildung von Allgemeinärzten und fördert Ausbildungspraxen mit ca. 4.800 Euro pro Arzt und Monat. Die Öffentlichkeitsarbeit wird hingegen seit Jahren sträflich vernachlässigt und halbherzig betrieben. So ist man bis heute der unsinnigen Auffassung, mit Streichelkampanien, wie "…ich bin so gerne Hausarzt…", junge Kolleginnen und Kollegen für den Beruf des Hausarztes interessieren zu können. Erst in den letzten Jahren haben Studierende der Humanmedizin Pflichtpraktika in allgemeinmedizinischen Praxen zu absolvieren [9] und das Fach Allgemeinmedizin wurde im Studienablauf etabliert [10].

Was spricht aus Ihrer Sicht denn für den Hausarztberuf insbesondere auf dem Land? Womit könnte man die junge Ärztegeneration locken?

Ich glaube, man muss hier mit einigen weit verbreiteten Vorurteilen, das Image des Landarztes betreffend, aufräumen. Die gesellschaftliche Wertschätzung der Berufsgruppe stimmt: Der Beruf des Hausarztes erfährt auch heute noch eine weit überdurchschnittliche gesellschaftliche Wertschätzung, nicht nur in ländlichen Gebieten wo medizinische Unterversorgung eine traurige Wirklichkeit geworden ist.

Die geldliche Wertschätzung der Berufsgruppe stimmt: Das hausärztliche Jahresdurchschnittseinkommen liegt heute weit über dem von anderen akademischen Berufsgruppen und übersteigt deutlich das Grundgehalt eines leitenden Oberarztes an einer Universitätsklinik [8, 9].

Der Arbeitsalltag der Berufsgruppe ist modern organisiert: Die vielbesagte Arbeitsüberlastung, trotz immer noch erheblichem Papier- und Verwaltungsaufwand, hält sich inzwischen in vertretbaren Grenzen. In Praxen mit angestellten oder gleichberechtigten Kollegen/innen ist eine Arbeitsbelastung um 40 Wochenstunden durchaus möglich [2]

Ständige Bereitschaftsdienste der Berufsgruppe sind quasi Geschichte: Die Anzahl der Bereitschaftsdienste (Nacht und Wochenende) hat sich, im Gegensatz zum Klinikbetrieb, drastisch verringert. Dank der Reform des Bereitschaftsdienstes in der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg sind von den niedergelassenen Ärzten/innen noch etwa 5 Dienste pro Jahr abzuleisten, die optional auch gegen Entgelt abgetreten werden können.

Der Ländliche Raum bietet zahlreiche Mehrwerte: Arbeiten und Leben im ländlichen Bereich stellt zunehmend eine Alternative zum Leben unter der städtischen Dunst- und Feinstaubglocke dar – auch hinsichtlich der Lebenshaltungskosten in Ballungsgebieten.

Wenn dem so ist, warum ist Hausärztemangel und Unterversorgung vieler ländlicher Gebiete dennoch zu einer traurigen Wirklichkeit geworden?

Das hat mehrere Gründe. Bis heute bestimmen inflationäre Zugangsberechtigungen den Zugang zum Medizinstudium. Der Numerus clausus ist seit Jahren in solchem Maße pervertiert, dass meist nur noch Einser-Noten einen sofortigen Studienbeginn erlauben [11]. Selbst zwischenzeitliche Fachausbildungen, z. B. zum Krankenpfleger oder Rettungsassistent, können die Zugangsberechtigung nicht in entscheidendem Maße verbessern.

Noch immer herrscht der Irrglaube ein guter Theoretiker sei auch ein guter Praktiker. Die Auswirkungen sind in operativen ärztlichen Tätigkeiten, welche neben profunden fachlichen Kenntnissen durchaus handwerkliches Geschick verlangen, zu beobachten.

Seit 2004 bewegt sich die Zahl der Studierenden im Fach Humanmedizin zwischen 80.000 bis 85.000, wobei die Zahl der Studienplätze stagnierte (4). Der bereits eintretende und negativ wirkende Mangel an Hausärzten war auf Grund des Altersaufbaus der deutschen Ärzteschaft im Hinblick auf die Altersstruktur der deutschen Bevölkerung seit Jahrzehnten sicher absehbar. Der Anteil der über 60-Jährigen wird bis 2020 auf 30,5 % steigen, der der 20 – 60-Jährigen von 57,9 % auf 52,4% und der unter 20-Jährigen von 21,7 auf 17,0 % fallen. Der Bedarf an medizinischen Leistungen wird daher signifikant steigen (1). Dagegen hat sich die Zahl der Vertragsärzte im Alter über 60 Jahren von 9.912 (1995) auf 23.705 (2009) erhöht (2) und wird heute noch wesentlich höher liegen. Die Gesamtzahl der Hausärzte hat sich hingegen von 53.255 (2005) auf 46.760 (2017) verringert (3).

Wer hat da etwas falsch gemacht?

Die Politik, insbesondere die Vielzahl medienfremder Fachminister, hat diese Entwicklung verkannt und verschlafen. Das Modell Hausarzt wurde zudem als überholt und veraltet eingestuft, und einer möglichst räumlich konzentrierten Gründung Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) eindeutig Vorrang eingeräumt, wodurch räumliche Versorgungslücken und im ländlichen Gebiet weite Anfahrtswege provoziert werden. Ob dies im Sinne einer Kanzlerin ist, die aus ihrer eigenen Vergangenheit nichts Besseres kannte, könnte unterstellt werden.

Was spielt Ihrer Meinung nach noch eine Rolle?

Die Medizin werde immer weiblicher, so liest man und sieht es allenthalben. Der Anteil der weiblichen Abiturientinnen überwiegt den der Männer nur knapp, jedoch lag der Anteil der weiblichen Medizinstudenten 2008 bei 62,5% (Studienanfänger), nach dem Examen jedoch bei nur 40,3% berufstätigen Ärztinnen und letztlich bei 35,3 % der niedergelassenen Ärztinnen [6]. Die scheinbar mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Hausarztberuf scheint einer der Gründe für das fehlende Interesse zur Übernahme vakanter Hausarztpraxen zu sein [6].

Sie suchen nun schon länger nach einem Nachfolger, was ärgert Sie besonders?

Obschon sowohl die Kassenärztlichen Vereinigungen, im Besonderen der Hausärzteverband, Praxisbörsen eingerichtet haben, fehlt den niedergelassenen Hausärzten ein "effektives" Netzwerk aus Verbänden, Kassen, Medien und Kliniken um junge Ärzte/innen für unsere Arbeit vor und während des Studiums zu interessieren. Das überregionale Deutsche Ärzteblatt, offizielles Publikationsorgan der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sieht bis heute keine Notwendigkeit, zur Nachbesetzung anstehenden Praxen eine ausreichende und kostenneutrale Möglichkeit zur Ausschreibung anzubieten. Vielmehr wird Ärzten die einspaltige 20 mm-Anzeige "Praxisabgabe" für 250 Euro verkauft. Für Anzeigentexte, in denen vornehmlich auf eine Internetadresse (Praxishomepage) hingewiesen wird, wird zum Grundpreis ein Zuschlag von 2.600 Euro erhoben [7]. Die Frage sei erlaubt: Wer nimmt Kleinanzeigen, im Stil von Gebrauchtartikel-Kleinanzeigen, in einem 100-seitigen Wust hochformatiger Klinikanzeigen überhaupt zur Kenntnis? Kann unser Lebenswerk in 20 mm abgebildet werden?

Durch diese Entwicklung ist der Wert unserer Praxen ins Bodenlose gesunken. Der Hausärzteverband kalkuliert als Gewinn (vor Steuern) einer gut gehenden Allgemeinpraxis derzeit mit 175.300 Euro [9]. Für solche Praxen werden heute, falls überhaupt, von Interessenten höchstens 40.000 bis 60.000 Euro geboten. Da viele Praxen keine Nachfolger haben, findet man in oben genanntem Blatt Anzeigen wie folgt:"… gut gehende Landarztpraxis zu verschenken …" Dabei drängt sich die juristisch noch zu klärende Frage auf, warum Praxen in überbesetzten Städten von den KVen zum Marktwert aufgekauft werden können und große Landpraxen ohne Entschädigung " vor die Hunde gehen". Zu den Anfangszeiten der Generation 65+ stellte der Wiederverkaufswert einer Praxis eine gewichtige Säule unserer Altersversorgung dar und wurde so auch einkalkuliert.

Um doch noch einen Nachfolger zu finden, haben Sie sich zu einer ganz speziellen Maßnahme entschlossen. Wie sieht die aus?

Ich wollte bei der Suche neue Wege gehen und mache nun Werbung mit großen Plakaten an einer Straße vor den Toren der Universitätsklinik Tübingen. Vielleicht lassen sich so junge Medizinerinnen oder Mediziner für die Arbeit auf dem Land zu gewinnen. Interessanter weise hat die Ärztekammer mir von der beabsichtigten Formulierung "Verdienst: viel mehr als ein Oberarzt" und "Dienste: viel weniger als in der Klinik" wegen möglicher unzulässiger vergleichender Werbung zunächst abgeraten.

"Noch immer herrscht der Irrglaube, ein guter Theoretiker sei auch ein guter Praktiker."PraxisdetailsDie Praxisräumlichkeiten umfassen ca.180 qm. Die Praxis ist angemietet und verfügt über langfristige Mietoptionen. In der Praxis wurden über die Jahre 18.000 kassenärztliche Stammdatensätze mit 1.300 Privatpatienten angelegt. Etwa die Hälfte der Kassenpatienten ist in der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) aufgenommen und wir erreichen dadurch Scheinschnitte um 85,00 Euro/Quartal.Aufgrund der Größe der Praxis (Scheine, Patientenstamm) und der glänzenden Zukunftsperspektiven im niedergelassenen Bereich ist die Praxis besonders geeignet für eine Übernahme in Doppelbesetzung (bspw. Ehepaare), auch fachübergreifend, z. B. Allgemeinmedizin und Innere, Allgemeinmedizin und Kinder oder bspw. Allgemeinmedizin und Rheumatologie. Neben neueren Anstellungsmodellen (angestellter Arzt/Ärztin) ist auch das Modell der klassischen Gemeinschaftspraxis denkbar.Die technische Ausstattung sowie Möblierung wurde in den letzten Jahren wiederholt und vollständig erneuert. Sie beinhaltet u. a. Sonographie mit Farbdoppler, EKG, Belastungs-EKG und Spirometrie, Anbindung an die Praxissoftware ist vorhanden. Ebenso 24-Stunden-EKG, Langzeit-Blutdruckmessung. Das Ultraschallgerät wurde Ende 2014 durch ein neuwertiges Gerät ersetzt.

Herr Christ, wie sieht denn die Situation der Hausärzte in Baden-Württemberg aus?

Die Kassenärztliche Vereinigung Württemberg unterhält Förderprogramme zur Ausbildung von Allgemeinärzten und fördert Ausbildungspraxen mit ca. 4.800 Euro pro Arzt und Monat. Die Öffentlichkeitsarbeit wird hingegen seit Jahren sträflich vernachlässigt und halbherzig betrieben. So ist man bis heute der unsinnigen Auffassung, mit Streichel-Kampagnen, wie "… ich bin so gerne Hausarzt…", junge Kolleginnen und Kollegen für den Beruf des Hausarztes interessieren zu können. Erst in den letzten Jahren haben Studierende der Humanmedizin Pflichtpraktika in allgemeinmedizinischen Praxen zu absolvieren und das Fach Allgemeinmedizin wurde im Studienablauf etabliert.

Was spricht aus Ihrer Sicht denn für den Hausarztberuf insbesondere auf dem Land? Womit könnte man die junge Ärztegeneration locken?

Ich glaube, man muss hier mit einigen weit verbreiteten Vorurteilen, das Image des Landarztes betreffend, aufräumen. Die gesellschaftliche Wertschätzung der Berufsgruppe stimmt: Der Beruf des Hausarztes erfährt auch heute noch eine weit überdurchschnittliche gesellschaftliche Wertschätzung, nicht nur in ländlichen Gebieten, wo medizinische Unterversorgung eine traurige Wirklichkeit geworden ist.

Die geldliche Wertschätzung der Berufsgruppe stimmt: Das hausärztliche Jahresdurchschnittseinkommen liegt heute weit über dem von anderen akademischen Berufsgruppen und übersteigt deutlich das Grundgehalt eines leitenden Oberarztes an einer Universitätsklinik.

Der Arbeitsalltag der Berufsgruppe ist modern organisiert: Die vielbesagte Arbeitsüberlastung, trotz immer noch erheblichem Papier- und Verwaltungsaufwand, hält sich inzwischen in vertretbaren Grenzen. In Praxen mit angestellten oder gleichberechtigten Kollegen/innen ist eine Arbeitsbelastung um 40 Wochenstunden durchaus möglich.

Ständige Bereitschaftsdienste der Berufsgruppe sind quasi Geschichte: Die Anzahl der Bereitschaftsdienste (Nacht und Wochenende) hat sich, im Gegensatz zum Klinikbetrieb, drastisch verringert. Dank der Reform des Bereitschaftsdienstes in der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg sind von den niedergelassenen Ärzten/innen noch etwa 5 Dienste pro Jahr abzuleisten, die optional auch gegen Entgelt abgetreten werden können.

Der ländliche Raum bietet zahlreiche Mehrwerte: Arbeiten und Leben im ländlichen Bereich stellt zunehmend eine Alternative zum Leben unter der städtischen Dunst- und Feinstaubglocke dar – auch hinsichtlich der Lebenshaltungskosten in Ballungsgebieten.

Wenn dem so ist, warum ist Hausärztemangel und Unterversorgung vieler ländlicher Gebiete dennoch zu einer traurigen Wirklichkeit geworden?

Das hat mehrere Gründe. Bis heute bestimmen inflationäre Zugangsberechtigungen den Zugang zum Medizinstudium. Der Numerus clausus ist seit Jahren in solchem Maße pervertiert, dass meist nur noch Einser-Noten einen sofortigen Studienbeginn erlauben. Selbst zwischenzeitliche Fachausbildungen, z. B. zum Krankenpfleger oder Rettungsassistent, können die Zugangsberechtigung nicht in entscheidendem Maße verbessern.

Noch immer herrscht der Irrglaube, ein guter Theoretiker sei auch ein guter Praktiker. Die Auswirkungen sind in operativen ärztlichen Tätigkeiten, welche neben profunden fachlichen Kenntnissen durchaus handwerkliches Geschick verlangen, zu beobachten.

Seit 2004 bewegt sich die Zahl der Studierenden im Fach Humanmedizin zwischen 80.000 bis 85.000, wobei die Zahl der Studienplätze stagnierte. Der bereits eintretende und negativ wirkende Mangel an Hausärzten war aufgrund des Altersaufbaus der deutschen Ärzteschaft im Hinblick auf die Altersstruktur der deutschen Bevölkerung seit Jahrzehnten sicher absehbar. Der Anteil der über 60-Jährigen wird bis 2020 auf 30,5 % steigen, der der 20- bis 60-Jährigen von 57,9 % auf 52,4 % und der unter 20-Jährigen von 21,7 % auf 17,0 % fallen. Der Bedarf an medizinischen Leistungen wird daher signifikant steigen. Dagegen hat sich die Zahl der Vertragsärzte im Alter über 60 Jahre von 9.912 (1995) auf 23.705 (2009) erhöht und wird heute noch wesentlich höher liegen. Die Gesamtzahl der Hausärzte hat sich hingegen von 53.255 (2005) auf 46.760 (2017) verringert.

Wer hat da etwas falsch gemacht?

Die Politik, insbesondere die Vielzahl medizinfremder Fachminister, hat diese Entwicklung verkannt und verschlafen. Das Modell Hausarzt wurde zudem als überholt und veraltet eingestuft und einer möglichst räumlich konzentrierten Gründung Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) eindeutig Vorrang eingeräumt, wodurch räumliche Versorgungslücken und im ländlichen Gebiet weite Anfahrtswege provoziert werden. Ob dies im Sinne einer Kanzlerin ist, die aus ihrer eigenen Vergangenheit nichts Besseres kannte, könnte unterstellt werden.

Was spielt Ihrer Meinung nach noch eine Rolle?

Die Medizin werde immer weiblicher, so liest man und sieht es allenthalben. Der Anteil der weiblichen Abiturientinnen überwiegt den der Männer nur knapp, jedoch lag der Anteil der weiblichen Medizinstudenten 2008 bei 62,5 % (Studienanfänger), nach dem Examen jedoch bei nur 40,3 % berufstätigen Ärztinnen und letztlich bei 35,3 % der niedergelassenen Ärztinnen. Die scheinbar mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Hausarztberuf scheint einer der Gründe für das fehlende Interesse zur Übernahme vakanter Hausarztpraxen zu sein.

Sie suchen nun schon länger nach einem Nachfolger, was ärgert Sie besonders?

Obschon sowohl die Kassenärztlichen Vereinigungen als auch der Hausärzteverband Praxisbörsen eingerichtet haben, fehlt den niedergelassenen Hausärzten ein "effektives" Netzwerk aus Verbänden, Kassen, Medien und Kliniken, um junge Ärzte/innen für unsere Arbeit vor und während des Studiums zu interessieren. Das überregionale Deutsche Ärzteblatt, offizielles Publikationsorgan der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sieht bis heute keine Notwendigkeit, zur Nachbesetzung anstehenden Praxen eine ausreichende und kostenneutrale Möglichkeit zur Ausschreibung anzubieten. Vielmehr wird Ärzten die einspaltige 20-mm-Anzeige "Praxisabgabe" für 250 Euro verkauft. Für Anzeigentexte, in denen vornehmlich auf eine Internetadresse (Praxishomepage) hingewiesen wird, wird zum Grundpreis ein Zuschlag von 2.600 Euro erhoben. Die Frage sei erlaubt: Wer nimmt Kleinanzeigen, im Stil von Gebrauchtartikel-Kleinanzeigen, in einem 100-seitigen Wust hochformatiger Klinikanzeigen überhaupt zur Kenntnis? Kann unser Lebenswerk in 20 mm abgebildet werden?

Durch diese Entwicklung ist der Wert unserer Praxen ins Bodenlose gesunken. Der Hausärzteverband kalkuliert als Gewinn (vor Steuern) einer gut gehenden Allgemeinpraxis derzeit 175.300 Euro. Gelegentlich wurden für gut gehende Praxen nur noch 40.000 bis 60.000 Euro geboten, der durchschnittliche Verkaufspreis lag im letzten Jahr bei 134.000 Euro (Arzt & Wirtschaft 10/2017). Da viele Praxen keine Nachfolger haben, findet man im Ärzteblatt Anzeigen wie folgt: " … gut gehende Landarztpraxis zu verschenken …"

Dabei drängt sich die juristisch noch zu klärende Frage auf, warum Praxen in überbesetzten Städten von den KVen zum Marktwert aufgekauft werden können und große Landpraxen ohne Entschädigung "vor die Hunde gehen". Zu den Anfangszeiten der Generation 65+ stellte der Wiederverkaufswert einer Praxis eine gewichtige Säule unserer Altersversorgung dar und wurde so auch einkalkuliert.

Um doch noch einen Nachfolger zu finden, haben Sie sich zu einer ganz speziellen Maßnahme entschlossen. Wie sieht die aus?

Ich wollte bei der Suche neue Wege gehen und mache nun Werbung mit großen Plakaten an einer Straße vor den Toren der Universitätsklinik Tübingen. Vielleicht lassen sich so junge Medizinerinnen oder Mediziner für die Arbeit auf dem Land gewinnen. Interessanterweise hat die Ärztekammer mir von der beabsichtigten Formulierung "Verdienst: viel mehr als ein Oberarzt" und "Dienste: viel weniger als in der Klinik" wegen möglicher unzulässiger vergleichender Werbung zunächst abgeraten.

Das Interview führte Dr. Ingolf Dürr


Literatur:
1. Stat. Bundesamt
2. Kopetsch 2010, Studie zur Altersstruktur- und Arztzahlentwicklung
3. Bundesarztregister KBV 2010
4. Stiftung für Hochschulzulassung
5. Spiegel Online 2017
6. Deutsches Ärzteblatt 2008
7. Mediadaten Deutsches Ärzteblatt
8. www.oeffentlicher-dienst.de
9. www.perspektive-hausarzt-bw.de/services/verdienstkalkulator
10. Studienordnung der Universität Ulm
12. www.praktischerarzt.de