Wenn es um die Medikation von Patienten geht, steht es um die Kommunikation zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken nicht zum Besten. Zu diesem Schluss kommt der Barmer Arzneimittelreport. Gerade Hausärzte würden oft kaum Informationen darüber erhalten, ob in der Klinik Therapieänderungen vorgenommen wurden. 40% der Allgemeinärzte sind mit der Situation unzufrieden.

Die Schnittstelle zwischen ambulantem und stationärem Sektor wird oft als unsichtbare Mauer bezeichnet. Immer wieder wird moniert, dass es hier ein Koordinations- und Kommunikationsproblem gibt. Und auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen bezeichnet die Schnittstellen zwischen der ambulanten und der stationären Gesundheitsversorgung als zentrale Schwachstellen im deutschen Gesundheitssystem.

Der aktuelle Arzneimittelreport, den die Barmer vorgelegt hat, scheint dieses Problem zu bestätigen. Der Report hatte untersucht, wie gut der Austausch von Informationen zwischen Haus- und Klinikärzten funktioniert, wenn es um die Medikation von Patienten geht. Ob Patienten im Krankenhaus ausreichend über mögliche Nebenwirkungen neuer Medikamente aufgeklärt werden. Und ob der gesetzlich vorgeschriebene Medikationsplan bei der stationären Aufnahme mittlerweile Standard ist.

Unvollständige Medikationspläne

Bei Krankenhausaufnahme kann es für Patienten lebensentscheidend sein, ob Ärzte alle Erkrankungen und auch deren gesamte Arzneimitteltherapie kennen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass 7 von 10 Patienten, die mit 8 oder mehr Arzneimitteln behandelt werden, deren Namen und Dosierung nicht korrekt angeben können. Der Barmer-Arzneimittelreport zeigt nun, dass genau diese Patienten den Großteil der stationären Behandlungsfälle ausmachen. Außerdem bekämen 4 von 5 Patienten (78 %) Arzneimittel von mehr als einem Arzt verordnet. Da sei es alarmierend, dass bei jedem dritten von mehreren Ärzten mit Polypharmazie behandelten Patienten der Medikationsplan unvollständig ist. Jeder 5. Patient mit Polypharmazie hatte überhaupt keinen Medikationsplan. Nur jeder 2. Patient hatte Unterlagen zur Information des Krankenhauses von seinem Hausarzt erhalten, stellt der Report fest.

Zwar seien Informationen zu verordneten und abgegebenen Arzneimitteln in den Abrechnungsdaten der Krankenkassen präzise und standardisiert verfügbar, wie auch Informationen über bestehende Erkrankungen und frühere Krankenhausaufenthalte. Diese würden allerdings bisher nicht zur Unterstützung des Behandlungsprozesses genutzt, moniert die Krankenkasse.

Patienten bekommen Therapiewechsel häufig nicht erklärt

Wie aus dem BARMER-Report weiter hervorgeht, fließen die Informationen zur Arzneimitteltherapie auch während des Klinikaufenthalts nur bruchstückhaft. So gaben über 30 % der befragten Patienten an, dass ihnen die Arzneitherapie vom Arzt nicht erklärt worden sei. Jeder 3. Patient mit geänderter Therapie habe zudem vom Krankenhaus keinen aktualisierten Medikationsplan erhalten. Dabei ist laut Arzneimittelreport die Anzahl der Patienten, die nach der sog. PRISCUS-Liste eine nicht altersgerechte Arzneimitteltherapie erhalten, nach der stationären Behandlung höher als zuvor.

Allgemeinärzte oft nur unzureichend informiert

Das Problem unzureichender Informationsweitergabe besteht auch bei Entlassung aus dem Krankenhaus. Wie die Routinedatenanalyse zeigt, hatten 41 % der Versicherten, also fast 484.000 Personen, nach Entlassung mindestens ein neues Arzneimittel bekommen. Obwohl bei einem Großteil der Patienten also die Medikation verändert wird, erhält der weiterbehandelnde Arzt häufig nur unzureichende und zeitverzögert eintreffende Informationen und häufig keine Begründung der Veränderungen, so der Report. Dies sei insbesondere deshalb problematisch, da wissenschaftliche Untersuchungen zeigen würden, dass 45 % der Medikationsänderungen nach der Krankenhausentlassung nicht intendiert seien, sondern versehentlich erfolgen würden, so Prof. Daniel Grandt, einer der Autoren des Reports.

Indizien für den stockenden Informationsfluss liefert eine Umfrage für den Arzneimittelreport unter 150 Hausärzten. Demnach waren 40 % der befragten Allgemeinärzte mit den Informationen durch das Krankenhaus unzufrieden oder sehr unzufrieden. So seien nur bei jedem dritten betroffenen Patienten Therapieänderungen begründet worden. Außerdem würden Hinweise auf notwendige Kontrollen, Nebenwirkungen und zu prüfende Therapieergebnisse regelmäßig fehlen.

Barmer entwickelt neue Versorgungsform

Doch wie lässt sich die Versorgung der Patienten an den Schnittstellen der Versorgungssektoren nachhaltig verbessern? Erfahrungen aus dem Ausland hätten gezeigt, dass sich die Zahl der Medikationsfehler deutlich reduzieren lässt, wenn die behandelnden Ärzte elektronische Unterstützung erhalten, den Zugriff auf Abrechnungsdaten der Krankenkasse bekommen und Krankenhausapotheker miteinbezogen werden. Genau das will die Barmer im Rahmen des vom Innovationsfonds geförderten Projektes TOP realisieren, was für "Transsektorale Optimierung der Patientensicherheit" steht.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr