Mehr als drei Stunden täglich verbringen Ärzte allein mit der schriftlichen Dokumentation ihrer Arbeit. Das „Bündnis Junge Ärzte“ kritisiert die zunehmende Arbeitsverdichtung im deutschen Gesundheitssystem. Der wirtschaftliche Druck führe früher oder später zu Qualitätseinbußen in der medizinischen Versorgung. Der eigentliche Zweck des Arztberufs – Behandeln, Heilen und der Kontakt zum Patienten – trete immer mehr in den Hintergrund. Lösungsvorschläge haben die „Jungen Ärzte“ auch gleich parat.

Eine alternde Gesellschaft und moderne, aufwendige Therapien treiben die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe. Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte stünden unter einem immer weiter steigenden ökonomischen Druck, beklagen die „Jungen Ärzte“ in einem Positionspapier. Dies führe zu einer unter wirtschaftlichen, aber nicht mehr unter medizinischen Aspekten optimierten Patientenversorgung. So komme es zwangsläufig zu einer sich zuspitzenden Arbeitsverdichtung. Für zentrale ärztliche Aufgaben wie das persönliche Gespräch, Anteilnahme und menschliche Zuwendung bleibe unter diesen ökonomischen Zwängen immer weniger Zeit.

Sinkende Attraktivität des Arztberufs macht Sorgen

Für Medizinstudierende und junge Ärzte führten diese Aspekte zu einer abnehmenden Attraktivität des deutschen Gesundheitssystems als Arbeitgeber. So müsse man sich nicht wundern, wenn es zu einer immer stärkeren Abwanderung aus der ambulanten wie auch der klinischen Versorgung komme. Der daraus resultierende Mangel an ärztlichem Nachwuchs verschärfe dann letztlich die Defizite in der ärztlichen Versorgung zusätzlich.

Nach Auffassung der „Jungen Ärzte“ gibt es 3 mögliche Lösungsansätze, um die bestehenden Probleme zu verringern. Den ersten, die Rationierung von ärztlichen Leistungen, schließen sie allerdings gleich wieder aus. Dies könne nur eine allerletzte Maßnahme sein.

Delegation schafft Freiräume für Ärzte

Zielführender sei, die Ressourcen zu steigern. Dort, wo nicht mehr Ärzte zur Verfügung gestellt werden können, müsse es den vorhandenen Ärzten ermöglicht werden, ihre Arbeitszeit auf ihre Kernkompetenzen zu begrenzen. Nicht-ärztliche Aufgaben sollten konsequent an Hilfspersonal delegiert werden.

Die „Jungen Ärzte“ fordern daher:
  • die Arbeitsabläufe mit dem Ziel einer Fokussierung auf ärztliche Tätigkeiten zu reformieren,
  • nicht-ärztliche Aufgaben an geschultes Personal zu delegieren, ohne dabei ärztliche Tätigkeiten zu substituieren,
  • ferner müssten innovative Arbeitszeitmodelle und strukturelle Anpassungen etabliert werden, um den Bedürfnissen von Ärztinnen und Ärzten mit Familien gerecht zu werden. Dies gelte insbesondere in Zeiten einer zunehmenden Feminisierung der Medizin und einer Zunahme der Ärztinnen und Ärzte, die in Teilzeit arbeiten wollen.
  • Moderne IT-System könnten darüber hinaus helfen, Prozesse zu optimieren und tägliche Abläufe deutlich effizienter zu gestalten.

Nur qualifizierte Weiterbildung sichert eine hochwertige Patientenversorgung

Das Bündnis fordert zudem eine ausreichende finanzielle Förderung der Weiterbildung, damit diese weiterhin qualitativ hochwertig durchgeführt werden kann. Die Weiterbildung müsse deshalb an klare und stringente Qualitätskriterien gekoppelt sein. Nur durch hochwertig weitergebildete Ärzte lasse sich in Zukunft eine hochwertige Patientenversorgung gewährleisten.

Fazit - Praxis oder Klinik?
Für die junge Ärztegeneration kommt eine Niederlassung genauso infrage wie eine Tätigkeit in der Klinik. Dies hatte vor kurzem eine Umfrage unter fast 12 000 Medizinstudierenden offenbart. Darin hatte etwa die Hälfte der befragten Medizinstudierenden angegeben, generell in der ambulanten Versorgung arbeiten zu wollen. Dabei halten sich die Präferenzen für eine angestellte Tätigkeit mit der Niederlassung als Freiberufler die Waage. Generell legt sich die neue Generation aber nicht fest: Für etwa drei Viertel der Befragten ist es auch gut vorstellbar, später in einer Klinik zu arbeiten. Auffallend war, dass das Image einiger grundversorgender Facharztgruppen wie Urologie, Dermatologie und Augenheilkunde bei den Studierenden eher kritisch ausgefallen ist. Befragt wurde nach der Einschätzung der jeweiligen Facharztrichtung in der Bevölkerung, bei Kommilitonen sowie bei praktizierenden Medizinern. Eher gemischt fiel das Bild für die hausärztliche Tätigkeit aus. Während das Ansehen in der Bevölkerung im Vergleich zu anderen Fachrichtungen vergleichsweise hoch eingeschätzt wurde, fiel dies für die Gruppen Kommilitonen und praktizierende Mediziner deutlich kritischer aus. Der allgemeine Bevölkerungstrend einer Urbanisierung gilt auch für Medizinstudenten. Sie zieht es eindeutig in die Großstädte. Über 46 % der Befragten wollen später „auf keinen Fall“ in Orten mit weniger als 2 000 Einwohnern arbeiten. Deutlich zeigen die Ergebnisse aber auch, dass die sogenannten „weichen“ Faktoren eine immer stärkere Rolle bei der Wahl für ein Fachgebiet einnehmen. Punkte wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit wurden von den Studenten sehr häufig benannt. Medizinstudierenden in Deutschland zeigen die Ergebnisse der Befragung klar, dass die Medizinstudierenden vielseitig interessiert sind. Sie sähen durchaus die ambulante und vor allem die hausärztliche Niederlassung als Option an. Ausschlaggebend für eine Entscheidung seien letztlich allerdings die Rahmenbedingungen bei der Aus- und Weiterbildung sowie bei der Arbeit.

Das „Bündnis Junge Ärzte“ ist ein Zusammenschluss der Vertreter der jungen Ärzte aus verschiedenen Verbänden und Fachgesellschaften, der sich im Jahr 2013 aus Sorge um die Zukunft der Versorgungsqualität und die Aufrechterhaltung einer menschenwürdigen Medizin gegründet hatte.

Etliche der Forderungen richten sich zwar vordergründig an den stationären Sektor, sie gelten aber in großen Teilen ebenso für den ambulanten Bereich. Und sie machen deutlich, wie sich die nächste Ärztegeneration ein nachhaltiges Gesundheitssystem vorstellt.

Dr. Ingolf Dürr