Der Altiplano inmitten der Anden – eine Wunderwelt und Abenteuer zugleich. Nur wenig erschlossen wartet die Region im Norden Chiles mit Wüstenlandschaft, pittoresken Dörfern, Salzseen, heißen Quellen und Lagunen sowie mit schneebedeckten Gipfeln und Vulkanen und den freundlichen Bewohnern auf ihre behutsame Entdeckung.

Statt eines Maultiers haben wir eine deutlich charmantere Lösung gefunden und heuern für die nächsten Tage die sachkundige 45-jährige Estela als Guide für die Touren ins Hochgebirge dicht an der peruanisch-bolivianischen Grenze an. Sie hat am Goethe-Institut und bei einem „Alemania“-Aufenthalt die deutsche Sprache erlernt. Los geht die Reise in Arica, der 200 000-Einwohner-Stadt, die bis 1880 zu Peru gehörte. Im Salpeterkrieg fiel sie an Chile. Geblieben aus dieser Zeit ist die Kathedrale San Marcos und das alte Zollgebäude, die dereinst im Atelier Gustave Eiffels in Paris entworfen wurden. Auch sehenswert der einstige Bahnhof, von dem ab 1913 der Zug ins bolivianische La Paz keuchte. Heute steht nostalgisch eine Dampflok mit Zahnrädern für die steilen Andenpässe auf dem Bahnhofsvorplatz – Aufschrift „1924, Maschinenfabrik Esslingen“. Und dann gibt es noch den Morro, den „Hausberg“, rund 120 Meter über der Stadt gelegen, mit einem fantastischen Rundumblick über Meer und Wüstenlandschaft. Getränke oder einen Imbiss aber suchen wir dort oben auf weiter Fläche vergebens. Der Tourismus hat hier noch nicht Einzug gehalten.

Kokablätter gegen Müdigkeit

Wir packen unterdessen einen Stapel Wasserflaschen in den Minibus. Die mögliche Höhenkrankheit der Anden wirft ihre Schatten voraus. Guide Estela fordert häufiges Trinken und warnt uns vor hastigen Bewegungen – nur keine unnötigen Anstrengungen. Und ja die Sonnencreme nicht vergessen, Faktor 50. Schließlich werden auf dem Markt noch Kokablätter ergattert, denn Kokatee hilft gegen Müdigkeit und Kälte – nicht aber gegen Impotenz, wie oft behauptet.

Nun sind wir unterwegs zum Altiplano. Wie eine Mondlandschaft wirken die Ausläufer der Atacamawüste. Sand und Geröll kilometerweit, gelegentlich einige wenige Kandelaber-Kakteen und fußhohes, sprödes Ichugras. Kaum vorstellbar, wie einst die spanischen Eroberer dieses unwirtliche Andenland durchquerten. Es graust uns vor einer Autopanne ...

Schnee und weiß glitzerndes Salz

In der Ferne locken im Nationalpark Lauca die mit ewigem Schnee bedeckten Sechstausender. Besonders beeindruckend der „schlafende“ Vulkan Parinacota. Wie in einer Bilderbuchwelt spiegelt er sich im Lago Chungará wider, mit 4 517 Metern einer der höchstgelegenen Seen der Erde. Neugierige Alpakas und Lamas löschen an einem der wenigen Wässerchen im benachbarten Hochmoor ihren Durst. Doch Vorsicht, raunt Estela – kommt der Besucher den langhalsigen Lamas gar zu nahe, kann er durchaus mit einem übelriechenden „Spucke-Warnschuss“ Bekanntschaft machen.

Guide Estela empfiehlt uns eine Tour an den Salar de Surire, einen der größten Salzseen Chiles in über 4 000 Metern Höhe. Mitten im Nichts taucht die weiß glitzernde Fläche auf, unterbrochen von offenen Wasserstellen. Unzählige Flamingos stelzen langbeinig in Ufernähe herum. Vikunjas, zierlich anzusehen und verwandt mit den Lamas, schlecken am Salz, und am tiefblauen Himmel kreist ein einsamer Kondor. Und oh Wunder – dicht neben dem Anfahrtsweg ein Souvenirstand mit Alpakapullovern, Decken und Täschchen. Sobald wir ankommen, herrscht hektische Betriebsamkeit. Der wettergegerbte Aymara-Indianer breitet schnell das Gewebte aus, preist die Waren an. Dann zeigt er uns den Weg nach Polloquere.

Zum Baden in die Schwefelquelle

Polloquere wird in den Reiseführern als eine der Attraktionen Nordchiles beschrieben. Bis zu 60 Grad sind die dampfenden schwefelhaltigen Thermalquellen heiß. Mit Blick auf die umliegende Bergkulisse hinterlassen sie einmalige Eindrücke. Nur für den Besucher ist wenig gesorgt. Wackelige Picknicktische laden kaum zum Verweilen ein. Und ein Schilfdach zum Schutz vor der Hochgebirgssonne ist weit und breit nicht zu sehen. Also weiter nach kurzem Bad, bevor der Sonnenstich zuschlägt.

Wir besuchen Belén, von den Spaniern 1625 als Betlehem gegründet – ein Aymara-Dorf oben in der Hochebene des Altiplano. In der Ortsmitte eine baumbestandene Plaza, blumenbunte Rabatten um einen Glockenturm unweit der kleinen Kirche, kopfsteingepflasterte Gassen mit farbig gestrichenen Adobe-Lehmziegelhäusern. Ein halbes Hundert Menschen leben hier recht und schlecht mit kärglichem Einkommen. Ihre Kinder sind längst auf der Suche nach Lohn und Brot in der nächsten Stadt. Die Indianerfamilien warten unterdessen auf Touristen, die sich nur selten einfinden. Dabei ist alles für den „Besucheransturm“ bereit. Mit Hilfe der Altiplano-Stiftung, ansässig in Arica, wurden u. a. Adobehäuser renoviert, eine Krankenstation eingerichtet und Übernachtungsmöglichkeiten im traditionellen Stil für Gäste geschaffen.

Wir sprechen darüber mit Cristian Heinsen, dem Geschäftsführer der Stiftung, dessen Großvater übrigens in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus Hamburg nach Chile auswanderte. Heinsen erzählt von seinem Traum, wertvolles Kulturgut im Altiplano für die Nachwelt zu erhalten. Verfallene Kirchen und kulturgeschichtlich wertvolle Gebäude sollen in ihren ursprünglichen Zustand versetzt, die Lebensbedingungen der Aymara-Indianer verbessert, Volkskunst und Handwerk gefördert werden.

Reisetipps
Reiseliteratur: „Chile und die Osterinsel“, Reise Know-How Verlag, 24,90 €; „Chile/Osterinsel“, Mairdumont, 11,99 €; „Polyglott on tour Chile“, Travel House Media, 11,99 €.

Informationen: Botschaft der Republik Chile, Wirtschaftsabteilung/ProChile, Mohrenstr. 42, 10117 Berlin ( http://www.chile.travel ). Flug Frankfurt-Madrid-Santiago de Chile-Arica mit LAN. Die LATAM Airlines Group fliegt 135 Destinationen in 24 Ländern, vor allem in Südamerika und den USA, an; Tel. LAN 0800/6270976. Übernachtung Nordchile: Hotel Panamericana Arica in Arica; Hotel Qantatit in Putre (3 650 Meter hoch gelegen, bestens geeignet zur Höhenakklimatisierung).



Autor:
Ulrich Uhlmann