Probleme rund um die Wundversorgung sind ein steter Quell des Verdrusses für viele Ärzte. Im List-Server Allgemeinmedizin klagen Kollegen über selbst erlebte Mängel, berichten aber auch über positive Erfahrungen. Ein Stimmungsbild.

Manchem Arzt platzt schier der Kragen, wenn es um die Wundversorgung seiner Patienten geht. Da ist die Rede von überforderten Pflegediensten, die schon mal den Schaumverband mit der falschen, nämlich der wasserdichten Seite auf die Wunde und die saugende Seite nach außen kleben, sodass Wundsekret austritt und jeden Tag ein neuer Verband angelegt werden muss. Solchen Fehlern durch eine Schulung des Pflegedienstes vorzubeugen, könne für einige Monate helfen, "bis das Team im Rahmen der üblichen Fluktuation einmal durchgewechselt hat", berichtet Dr. F. aus H.

Wundmanager: Problem oder Problemlösung?

Andererseits werden Spezialisten wie zertifizierte Wundberater oder Wundmanager in Stellung gebracht, die das Pflegepersonal fachlich zu unterstützen und zu entlasten versprechen. Das kann durchaus klappen. Die Wundberaterin habe "sinnvolle Pflegekritik bzw. Pflegeanweisungen" geleistet, berichtet Dr. W. aus K. Sie hat "Pflegekräfte auf Pflegefehler aufmerksam gemacht und immer wieder angemahnt". Das habe viel Arbeit erspart.

Auch Dr. T. aus Z. arbeitet hervorragend mit einem Wundmanager zusammen. "Wir tauschen uns regelmäßig über die Patienten aus, ich bekomme regelmäßig Wunddokumentationen und Beschreibungen und er achtet auch auf wirtschaftlichen Einsatz von Verbandstoffen. Wenn mal was Außergewöhnliches gewählt wird, gibt es immer ein erhellendes Gespräch und dann ggf. die günstigere Alternative."

So gut läuft es nicht überall. "Ziemlich genervt von neunmalklugen Leuten, die nach einem Wochenendseminar meinen, sie hätten den kompletten Überblick und könnten Rezepte mit den stets teuersten Produkten anfordern", zeigt sich Dr. S. aus S. und berichtet, er habe "die weitere Behandlung eines neuen Patienten im Heim an die Bedingung geknüpft, dass der Wundberater die Finger vom Patienten lässt." Unterstützung erfährt diese Position von Arztkollegen, die darauf hinweisen, dass die Verantwortung für die Wundversorgung nicht bei einer Heimleitung, sondern stets beim Arzt liegt, der als Verordner der angeforderten Verbandstoffe auch für die Kosten haftet. Bei den Wundmanagern vermuten Ärzte dagegen häufig einen Interessenkonflikt – sei es beim Sponsoring der Ausbildung durch Hersteller oder in deren Zusammenarbeit mit Sanitätshäusern.

Die Kritik ist nicht neu

Das Problem ist nicht neu. Schon 2014 monierte Klaus Hollmann [1] ständig neue Produkte, aber zu wenig Transparenz bei Verbandsmaterialien: "Insbesondere die Datenlage zur Wirksamkeit der Wundauflagen – also zur Verbesserung der Heilungsprozesse der Wunde – ist enttäuschend." Da Preise für Verbandmittel in den Arztsoftwareprogrammen nicht ausgewiesen werden, gebe es auch praktisch keine Preistransparenz, so Apotheker Hollmann. "Apotheken, Homecare-Unternehmen oder Sanitätshäuser beliefern die Rezepte und rechnen über ihre Rechenzentren gegenüber den Krankenkassen ab. Diese ordnen die Verordnungskosten nach Betriebsstättennummern in die offiziellen Prüfstatistiken ein, mit denen der Vertragsarzt dann, wenn es um die Budgeteinhaltung geht, konfrontiert wird."

Die Intransparenz des Produktangebots und der Preise wie auch das knappe Zeitbudget der Ärzte werde, so Hollmann, seit einigen Jahren aufgefangen durch Wundmanager. Das können Pflegekräfte sein, die sich speziell im Bereich der Versorgung der chronischen Wunden fortgebildet haben, aber auch Mitarbeiter von Sanitätshäusern oder Personen, die bei einem Verbandmittelhersteller angestellt sind. "Manchmal zieht man diese Wundmanager bereits im Krankenhaus hinzu, oder man kooperiert seitens eines Pflegeheimes mit einem Wundzentrum regelmäßig mit der Konsequenz, dass Vorschläge – meist ohne Abstimmung mit dem Arzt – unterbreitet werden, die der Arzt verordnen solle. In manchen Fällen drängt sich bei den vorgeschlagenen Artikeln und Kombinationen der Eindruck auf, dass die Empfehlungen nicht nur zum Vorteil des Patienten und der schnelleren Wundheilung geäußert werden. Häufig wird eine Vielzahl von Produkten gleichzeitig bei einer Wunde angewendet, was zu extremen Kosten führt. Es wird kritisiert, dass sich die Wundbehandlungsinterventionen mehr auf Marketing und Erfahrungswissen begründen als auf Evidenz." [1]

Wie kann eine Lösung aussehen?

Wer sich als Arzt die Zeit nehmen und die Mühe machen möchte, der kann versuchen, ohne Wundmanager auszukommen, indem er die Pflege "mit ins Boot holt", meint Dr. E. aus H. Er erklärt den Pflegern Schritt für Schritt, wie ein Verband angelegt werden muss, und berichtet, dadurch habe man schon einiges deutlich verbessern können. Auch werde zunehmend eingesehen, "dass es Sinn macht, was ich immer wieder vorbete." Wundmanager seien inzwischen bei seinen Patienten kein Thema mehr, zumal deren Rezeptanforderungen konsequent ignoriert würden. Und wenn das billigere Produkt gewählt werde, verlören manche Wundmanager sowieso schnell das Interesse an der Sache.

Statt Wundexperten für hausärztliche Patienten einzusetzen, schlägt Dr. F. aus H. seinen Kollegen vor, die eigenen Ressourcen zu nutzen: "Lasst uns unsere guten MFA zu VERAH oder AGNES oder NÄPA ausbilden, dort ist die Therapie von chronischen Wunden drin." Er verweist auf die Abrechnungsmöglichkeit und darauf, den Patienten durch den regelmäßigen Kontakt mit der MFA sogar besser im Blick zu behalten, als es durch Hausbesuche zu gewährleisten wäre.

Und wenn ein Arzt doch mit einem Wundmanager zusammenarbeiten will? Dann "steht und fällt alles mit dem Verhältnis Hausarzt-Wundmanager. Wenn die beiden sich einig sind und gut zusammenarbeiten, kann es ein Gewinn für den Patienten sein. Klar muss auch sein, dass der Arzt – der auch haftet – das Heft in der Hand hat", schreibt Dr. T aus Z. Unter diesen Voraussetzungen dürfte die Kooperation mit einem Wundberater auch für niedergelassene Ärzte ohne Regressrisiko sein.

Werner Enzmann


Quelle
1) "Wundmanagement in der hausärztlichen Praxis", KVH aktuell 4/2014, S. 16 – 18

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