Notfälle sind in der Hausarztpraxis zwar selten, aber immer eine Herausforderung. In erster Linie kommt es darauf an, schnell zu handeln, die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztteams sinnvoll zu überbrücken und Hyperaktionismus zu vermeiden.

Das Erkennen und das Beherrschen von Notfällen ist – wie vieles andere in der Arbeit von Allgemeinärzten auch – eine Frage des Trainings, des persönlichen Interesses, der Schulung und der vorhandenen Checklisten (Letztere werden von Notfall-Profis übrigens regelmäßig herangezogen). Die Notfallversorgung kommt in der Routine der Praxis wie auch bei Hausbesuchen selten vor. Diese ist weiter stark abhängig von den Alarmierungssystemen der rettungsdienstlichen Organisationen und im Ablauf – nicht zuletzt geografisch bedingt – sehr unterschiedlich. Als langjährig tätiger Hausarzt mit Kassenpraxis und aktiver Notarzt sehe ich die Allgemeinmediziner als wesentlichen Teil der Rettungskette. Hier stellen sich einige Fragen: Wie viel ist als Vorarbeit wünschenswert, bis das professionelle Team anrückt, und welche Medikamente sind dazu erforderlich und sinnvoll?

Mein Ampullarium:
Einige Medikamente unterscheiden sich in ihrem Text aufgrund der anderen Zulassungsbestimmungen in Österreich:
  • 6 A L-Adrenalin: 1 mg, 10 ml
  • 1 A Anexate®: 0,5 mg, 5 ml
  • 3 A Amiodaron®: 150 mg, 3 ml
  • 1 A Aspirin®: 500 mg oder Brausetabletten
  • 2 A Butylscopolamin: 20 mg, 1 ml
  • 1 A Ebrantil®: 25 mg, 5 ml
  • 1 A Esmolol: 100 mg, 10 ml
  • 1 A Dimenhydrinat: 10 ml
  • 2 A Fentanyl: 0,1 mg, 2 ml
  • 1 A Glukose: 40 %, 10 ml
  • 2 A Ketanest S®: 25 mg, 5 ml
  • 2 A Lasix®: 20 mg
  • 2 A Midazolam®: 5 mg, 5ml
  • 1 A Naloxon®: 0,4 mg, 1 ml
  • 1 Nitrolingual®Spray
  • 2 A Novalgin®: 1 g, 2 ml
  • 1 A Prednisolut®: 50 mg Trockensubstanz + Lösungsmittel
  • 2 A Solu-Decortin®: 250 mg Trockensubstanz + Lsg-Mittel
  • 1 Stesolid®: 10 mg Rectaltube
  • 1 Sultanol®: Dosieraerosol + Vorschaltkammer
  • 1 A Morphin Merck®: 10 mg, 1 ml
  • 3 A NaCl: 10 ml

Die Notfallmedikamente sollten auf Rezept leicht erhältlich sein. Der Preis spielt eine untergeordnete Rolle, da diese Präparate sehr selten gebraucht werden. Eine kurze Halbwertszeit erweitert den Handlungsspielraum für das nachkommende Notarztteam. Im kollegialen Miteinander ersetzt dieses übrigens oft gerne die verwendeten Dinge (z. B. Tubus, Kanüle, Medikamente). Als vorteilhaft hat sich erwiesen, das Ampullarium (vgl. Kasten) nicht im Notarztkoffer, sondern in der Arzttasche zu platzieren, weil Ersterer oft im Auto verbleibt und daher Temperaturschwankungen ausgesetzt ist. Zudem wird das Ampullarium dadurch regelmäßiger gewartet und ablaufende Medikamente werden sicher und rechtzeitig getauscht. Übrigens ist mein eigenes über die Jahre stets kleiner geworden, obwohl dies neben Notfallmedikamenten auch die anderen Arzneimittel enthält.

Wichtige Medikamente

Viele Fachgesellschaften bieten Empfehlungslisten für Medikamente und Ausstattung an, diese sind allerdings nur gültig, wenn man in der Anwendung geübt ist (vgl. Tabelle 1). Das gilt vor allem für Opiate und Sedativa. Hier ist das Herantitrieren bis zur gewünschten Wirkung ein Muss. Dazu gehört auch, unbedingt bei den gewohnten Dosen zu bleiben, um nicht im Stress des Notfalls herumrechnen zu müssen, weil etwa die Midazolamampulle nicht 5 mg zu 5 ml, sondern 15 mg zu 3 ml oder 25 mg zu 5 ml beinhaltet. Ich beschränke mich möglichst auf eine Substanz einer Wirkungsgruppe.

Die angeführte Medikationsliste habe ich nach Verfügbarkeit der Präparate in Deutschland (Gelbe Liste) adaptiert und überwiegend der Einfachheit halber mit Handelsnamen erstellt. Sie ist nach Indikationen geordnet. Zudem verzichte ich auf zugrundeliegende Algorithmen und verweise auf die Literatur. Es geht hier ganz bewusst um eine überbrückende, sinnvolle Vorbehandlung bis zum Eintreffen des Notarztes. Entgegen aktuellen Empfehlungen verwende ich nach wie vor Nitro-Spray, um die weiteren Schritte zu überbrücken. Nicht jede hypertensive Dringlichkeit muss hospitalisiert werden, und nach Ausschluss von Kontraindikationen ist Nitro-Spray im ersten – vielleicht einzigen – Schritt praktikabler, als Ebrantil® vorzubereiten und zu applizieren. Die Liste ist selbstverständlich individuell veränder- und erweiterbar.

Eine Schwierigkeit im Notfall ist nicht selten der intravenöse Zugang für die Verabreichung. Wer sich mit der Venenverweilkanüle schwertut, sei an alternative Applikationsformen erinnert: Intramuskulär und vor allem intranasal (z. B. mit MAD-Applikator®), aber auch rektal sind diverse Möglichkeiten vorhanden. Und: Ein sicher liegender Butterfly ist ein guter Anfang.

Ein Notfall ist immer stressig und man neigt hier zum Hyperaktionismus. In der hoffentlich kurzen Zeit bis zum Eintreffen des Notarztteams sollte man immer beherzigen: Nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich applizieren, sich bewusst die Zeit bis zum Wirkungseintritt geben, gegebenenfalls nachtitrieren sowie Dosis und Zeitpunkt notieren. Neue unbekannte Medikamente haben beim Notfall nichts verloren.



Autor:

Dr. med. Georg Kurtz

Praxis für Allgemeinmedizin
A-8200 Gleisdorf
Österreich

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert