Beim Diabetes-Kongress im Mai präsentierte die Nationale Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie (NAI)* aktuelle Daten, die Herausforderungen bei der Diagnose und Therapie der diabetischen Neuropathie in der ärztlichen Praxis aufzeigen. Um Ärzte und ihr Fachpersonal beim Screening auf diabetische Neuropathie in der Praxis zu unterstützen, bietet die NAI auf ihrer Webseite vielfältiges Service- und Schulungsmaterial an.

Wie wichtig eine konsequente, engmaschige Versorgung von Patienten mit Diabetes und diabetischer Neuropathie ist, hat die Covid-19-Pandemie verdeutlicht. Kontrolluntersuchungen in Arztpraxen und Krankenhäusern wurden während der Pandemie oft nicht wahrgenommen, wodurch Neuropathien und dem diabetischen Fußsyndrom häufig Vorschub geleistet worden sei, erklärt Prof. Dr. med. Ralf Lobmann, Stuttgart. Dabei ist jeder Dritte mit Diabetes von einer distalen sensomotorischen Polyneuropathie (DSPN) betroffen [1]. Diese verläuft jedoch bei etwa der Hälfte der Patienten asymptomatisch und entzieht sich dadurch leicht der Diagnose [2]. "Die Neuropathie ist mit einer erheblich erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert", warnte Prof. Dr. med. Dan Ziegler, Düsseldorf, und erinnerte daran, wie wichtig eine Früherkennung der DSPN sei. Um die DSPN klinisch korrekt zu diagnostizieren, sei ein standardisiertes Vorgehen erforderlich, betonte Ziegler.

Korrekte Diagnose ist eine Herausforderung

Wie eine aktuelle Umfrage bei rund 560 Hausärzten bzw. Fachärzten für Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Diabetologie zeigt, stellt die Untersuchung auf DSPN in der Praxis aber eine große Herausforderung dar. Es gaben zwar 87 % der teilnehmenden Ärzte an, mindestens einmal jährlich bei ihren Patienten mit Diabetes auf eine DSPN zu screenen. Aber nur 28 % bzw. 20 % setzen klinische Fragebögen oder Scores ein, um die neuropathischen Symptome bzw. Defizite zu erfassen. Dadurch könnten Patienten mit DSPN durch das diagnostische Raster fallen und zu spät behandelt werden, so Ziegler.

Service-Material für die Praxis
Um Ärzte und ihr Fachpersonal beim Screening auf DSPN in der Praxis zu unterstützen, bietet die Nationale Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie (NAI)* auf ihrer Webseite vielfältiges Service- und Schulungsmaterial an. Dazu zählen Video-Tutorials zur leitliniengerechten Untersuchung auf DSPN, ein klinischer Untersuchungsbogen zum Downloaden, Abrechnungs-Tipps sowie eine ausführliche Schritt-für-Schritt-Anleitung für die klinische Untersuchung auf DSPN mit hilfreichen Praxis-Tipps.

Frühzeitige multimodale Therapie

Die Notwendigkeit einer frühzeitigen multimodalen Therapie unterstrich auch der Diabetologe Prof. Dr. med. Kristian Rett, München. Im Rahmen der individuellen Diabetestherapie seien neben der Hyperglykämie eine ganze Reihe Glukose-unabhängiger Risikofaktoren diagnostisch, prognostisch und therapeutisch relevant. Eine weitere Säule der Behandlung stelle die pathogenetisch orientierte Therapie mit Benfotiamin und/oder Alpha-Liponsäure dar (Abb. 1). Durch Gabe der fettlöslichen, hoch bioverfügbaren Vitamin-B1-Vorstufe Benfotiamin kann ein Vitamin-B1-Mangel ausgeglichen und die Bildung schädlicher Glukose-Abbauprodukte reduziert werden [3]. Dabei spielt das Enzym Transketolase eine zentrale Rolle, das Glukose-Metabolite einem unschädlichen Abbauprozess zuführt und für seine Aktivität Thiamin (Vitamin B1) benötigt. In klinischen Studien führte eine Behandlung mit Benfotiamin bei Patienten mit Diabetes und DSPN zur Verbesserung neuropathischer Symptome [4]. Auch das Antioxidans Alpha-Liponsäure kann in die Pathogenese der Nervenschädigung eingreifen und neuropathische Symptome lindern [5]. Eine symptomatische Therapie der neuropathischen Schmerzen ist zusätzlich angezeigt, sobald die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigt ist.

* Die NAI wird von Wörwag Pharma in Zusammenarbeit mit der Deutschen Diabetes-Stiftung getragen: www.nai-diabetische-neuropathie.de


Literatur
1. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021
2. Pop-Busui R et al., Diabetes Care 2017;40(1):136-154
3. Hammes et al., Nat Med. 2003;9(3):294-9
4. Stracke H et al., Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2008;116(10):600-5.
5. Ziegler et al., Diabetes Care 29, 11(2006) 2365-70.
6. gemäß Reiners, Stracke, Sachse; mod. nach Ziegler et al. J Diabetes Investig. 2021;12(4):464-475


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Erschienen in: doctors|today, 2021; 1 (9) Seite 23