Was bringt die Digitalisierung? Um es gleich vorwegzunehmen: Die Vorteile der Digitalisierung überwiegen die wenigen Nachteile, die aber nicht verschwiegen werden sollen.

Nestor der deutschen Diabetologie
Wer kennt ihn nicht? Prof. Dr. med. Hellmut Mehnert ist seit über 50 Jahren auf dem Gebiet der Diabetologie aktiv. Auch heute noch hält der ehemalige Chefarzt der Medizinischen Klinik des Krankenhauses München-Schwabing Vorträge und leistet Aufklärungsarbeit. Auch auf der practica erfreuen sich seine Seminare gleichbleibender Beliebtheit. Das liegt daran, dass Mehnert Diabetesforschung so vermitteln möchte, dass sie auch für den niedergelassenen Allgemeinarzt umsetzbar ist. In diesem Sinne sind auch "Mehnerts Diabetes-Tipps" verfasst, die als Serie im Allgemeinarzt erscheinen und hoffentlich dazu beitragen, dass Sie Ihre Diabetes-Patienten besser betreuen können.

Schon jetzt sind Arzt und Diabetesberaterin ständig mit der Digitalisierung konfrontiert. Eine Arztpraxis ohne Benutzung des Computers ist inzwischen undenkbar. Terminvereinbarungen, aber auch Speicherung von Patientendaten seien hier erwähnt. Digitale Systeme, z. B. Apps oder Instrumente zur Glukosemessung, werden überall eingesetzt. Bei Letzteren wird auf Dauer die unblutige Gewebezuckermessung die Blutzuckerbestimmungen wohl ablösen, wie es jetzt bereits mit dem FreeStyle Libre-System der Fall ist.

Vorteile für Kinder

So sei nur der große Vorteil für die Eltern diabetischer Kinder erwähnt, bei denen nachts bei Verdacht auf eine Hypoglykämie unblutige Messungen durch die leichten Kleidungsstücke vorgenommen werden können, ohne dass das Kind geweckt werden müsste. Hier ist auch der erste digitale Schritt getan zu dem sogenannten "künstlichen Pankreas", dem "Closed-loop-System". Das weltweit erste System dieser Art wird bereits – vorläufig noch in Einzelfällen – in den USA verwendet. Dadurch wird eine automatische Anpassung der Insulindosis ermöglicht (MiniMed 670G von Medtronic). Optimisten nehmen an, dass noch 2018 eine Markteinführung in Europa erfolgen wird.

Diabetes-Apps: Fluch oder Segen?

Der Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Prof. Dirk Müller-Wieland, führte aus: "Die Digitalisierung verändert die Diabetologie grundlegend – sowohl in der Forschung als auch in der Therapie." Schon heute können Apps mit der Möglichkeit zur Glukosemessung und der Werteübermittlung an den Arzt vom Patienten genutzt werden. Sie stärken die Selbstbestimmung der betroffenen Diabetiker und können die Ärzte zeitlich entlasten. Hier muss man allerdings auch fragen dürfen, ob diese Aussage stets zutreffend ist. Man stelle sich eine Diabetesschwerpunktpraxis vor, in der Hunderte von Patienten täglich ihre Stoffwechselwerte an den Arzt bzw. an die Diabetesberaterin weitergeben und auf sofortige Rückantwort warten. Eine sinnvolle Kanalisierung ist – wie auch immer das möglich sein mag – hier am Platze. Im Übrigen muss man abwarten, wie sich die Krankenkassen bei der Honorierung der zunehmenden Fälle von Einzelberatung verhalten werden.

Algorithmen statt Hausarzt?

Weitere Anwendungsmöglichkeiten einer App ergeben sich bei dem Austausch von Anweisungen und Kontrollen der Ernährungs- und auch Bewegungstherapie – der unentbehrlichen Grundlage für jede Form der Diabetesbehandlung.

Kritisch hinterfragt wird, ob die Patienten in einem Jahrzehnt noch einen Diabetologen benötigen, wenn Algorithmen die Technologieprodukte steuern, das Wissensmanagement organisieren, über Big-Data-Analysen Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie liefern und sogar Prognosen zum künftigen Krankheitsverlauf abgeben können (können sie das wirklich?). Hier betont Prof. Dr. Lutz Heinemann zu Recht, dass der Diabetologe bzw. der in Diabetesfragen erfahrene Hausarzt auch in Zukunft unersetzbar bleiben wird. Wenn wirklich durch die elektronischen Hilfen Zeit eingespart werden könnte (was man bezweifeln kann oder zumindest zur Diskussion stellen darf), bliebe mehr Zeit für die sprechende Medizin.

Ein besonders wichtiges Beispiel für den nach wie vor unentbehrlichen persönlichen Kontakt mit dem behandelnden Arzt ist das diabetische Fußsyndrom. Hier nützt nur die Inspektion der Füße vor Ort, selbst wenn vorher elektronisch abgefragt werden könnte, ob die Füße Blasen, Schrunden, Risse oder Verletzungen aufweisen. Ähnliches gilt auch für augenärztliche und nephrologische Fragestellungen oder auch für die Notwendigkeit, ein EKG durchzuführen.



Autor:

© Kirchheim
Prof. Dr. med. Hellmut Mehnert

Forschergruppe Diabetes e. V.
82152 Krailling

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.