Salutogenese, Resilienz und Psychohygiene sind nicht nur bei der Behandlung von Patienten von Bedeutung. Auch gestresste Ärzte können davon profitieren, meint das Autorenteam einer allgemeinmedizinischen Praxis aus dem bayerischen Schwabenland und empfiehlt aufgrund eigener Erfahrung dafür das "intuitive Bogenschießen".

Bogenschießen kann ein elementares körperliches wie seelisch-geistiges Erleben ermöglichen. Von den verschiedenen Arten, diesen Sport auszuüben, erscheint das intuitive, "gefühlsmäßige" Bogenschießen als besonders sinnvoll. In seiner einfachsten Form sind technische Hilfsmittel wie Zielvorrichtungen oder Stabilisatoren unnötig. Am besten haben sich einfache Recurve-Bögen (Abb. 1) mit einem Zuggewicht von ca. 9 bis 11 Kilogramm bewährt. Geschossen wird in der Regel aus einer Entfernung von etwa 10 Metern, eine Distanz, die auch im privaten und geschützten Bereich problemlos eingerichtet werden kann [7]. Um vernünftig üben zu können, sollte für das Sportgerät einschließlich Pfeilen und einer Zielscheibe aus gepresstem Stroh eine Summe von insgesamt etwa 350 Euro veranschlagt werden.

Das intuitive Bogenschießen

Beim intuitiven Bogenschießen entsteht der gesamte Ablauf aus dem Gefühl heraus. Ohne bewusste, rationale Entscheidung wird der Pfeil dann gelöst, wenn das Körpergefühl stimmt und gleichsam sagt: "Jetzt trifft der Pfeil!" Das Visieren über eine optische Linie wie etwa bei den Bogenschützen der Olympischen Spiele entfällt. Vielmehr ist es wichtig, achtsam und aufmerksam den gesamten Ablauf, vom Einlegen des Pfeils in den Bogen bis zur Landung im Ziel, mit allen Sinnen wahrzunehmen und mit den richtigen Bewegungsmustern zu verbinden. Voraussetzung für ein Gelingen ist in der Regel eine exakte, immer in gleicher Weise ausgeführte Technik, die zusammen mit regelmäßigem Üben die meisten Pfeile im Ziel landen lässt.

Intuitives Bogenschießen ermöglicht somit ein ganzheitliches Erleben, man lernt, sich seinem Unbewussten hinzugeben und zu vertrauen. Der "Pfeil im Ziel" ist jedoch nur das gelungene, aber nicht zwingend notwendige Endergebnis eines Gesamtablaufes, der mannigfaltige Aspekte seelisch-geistig-körperlicher Art bietet, die es zu betrachten lohnt [1–4, 6–8].

Grunderfahrungen beim intuitiven Bogenschießen

Schon am Anfang, bei der Einnahme des "sicheren Standes", wird jeder rasch spüren, ob er mit "beiden Füßen fest auf der Erde steht", aber trotzdem Schulter- und Kniegelenke für einen harmonischen Ablauf ausreichend locker lassen kann. Mit dem Einlegen des Pfeils in den Bogen beginnt dann der eigentliche Schießvorgang. Dabei wird das "Einnocken", d. h. das Aufsetzen des Pfeils auf die Sehne, von einem tiefen Einatmen mit anschließendem Ausatmen begleitet. Dieser tiefe Atemzug vermittelt zum einen Ruhe und Stabilität, zum anderen erfährt der Bogenschütze hier erstmals das Wechselspiel von Anspannung und Entspannung. Dieses wiederholt sich dann nochmals beim Spannen des Bogens mit dem sich anschließenden Lösen des Pfeils.

Natürlich erfährt man Anspannung und Entspannung als entgegengesetzte Pole des menschlichen Lebens beispielsweise auch beim Erlernen des Autogenen Trainings [5]. Darüber hinaus verbindet das Bogenschießen jedoch dieses Erfahrungswissen mit einer kraftvollen koordinierten Bewegung und vor allem mit dem Aspekt der intuitiven Zielorientierung. Dies kann unmittelbar in das tägliche Leben übertragen werden. Man orientiert sich mit offenem Blick, ruhig und gelöst, dabei aber auch aufmerksam und entschlossen an einem Ziel, das einem wichtig ist und das sich in der Mitte eines weiten Blickfeldes befindet. Im Vertrauen auf sich selbst und das eigene Körpergefühl wird der Pfeil ohne rationale Steuerung – dem eigenen Unbewussten vertrauend – im Ziel landen, ohne dass man dabei die Umgebung, das "Umfeld", aus den Augen verliert.

Insgesamt sollte beim intuitiven Bogenschießen der gesunde, harmonische, beruhigend-entspannende und zugleich bestärkende Bewegungsablauf im Mittelpunkt stehen. Jeder Pfeil bleibt – unabhängig vom Trefferbild – gleichermaßen eine Erfahrung, er kann Ressourcen eröffnen sowie innere Entwicklungen anstoßen und Verhaltensänderungen bewirken. Der Schwerpunkt des hier vorgestellten Umganges mit Pfeil und Bogen liegt also auf dem inneren Prozess und den Metaphern, die sich aus der äußeren Handlung ableiten lassen. Elementare Verhaltensweisen wie Standfestigkeit, Lockerheit, Anspannung und Entspannung, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, Zielorientierung, Loslassen und vieles mehr können unmittelbar vom Bogenschießen in das tägliche Leben übernommen werden (1–4, 6–8).

Die bisherigen Ausführungen lassen ahnen, welches Potenzial im intuitiven Bogenschießen steckt. Nicht umsonst wird es heute in zahlreichen Betätigungsfeldern wie der Erlebnis- und Sozialpädagogik, in psychosomatisch-psychotherapeutischen Einrichtungen sowie bei Coachingprozessen angeboten. Insgesamt gibt es jedoch – vor allem aus medizinischer oder psychologischer Sicht – keine definierten Krankheitsbilder oder bestimmte Patientengruppen, für die das intuitive Bogenschießen verbindlich empfohlen werden kann. Vielmehr handelt es sich um ein Verfahren, das psychologische, pädagogische oder psychotherapeutische Techniken im Bereich von Salutogenese und Resilienz ergänzen kann und keinesfalls eine Konkurrenz zu etablierten Konzepten darstellt. Entscheidend ist aber, ob die betreffende Person motiviert und bereit ist, sich auf die Vielfalt an Metaphorik und Symbolik beim Umgang mit Pfeil und Bogen einzulassen [7].


Elementare Aspekte der Körperhaltung beim intuitiven Bogenschießen [1-4, 6-8].

Neutraler, sicherer und "stolzer" Stand

Da sich der Bogenschütze bei einer Frontalstellung zum Ziel beim Spannen des Bogens selbst im Wege stehen würde, stellt er sich genau seitlich, also in einem neunzig Grad Winkel zur Scheibe, auf (neutraler Stand). Dadurch entsteht Bewegungsfreiheit beim Ausziehen der Bogensehne. Die Füße werden in Richtung zum Ziel in Schulterbreite nebeneinander gestellt, das Körpergewicht ist dabei gleichmäßig auf beide Füße verteilt, der Boden ist deutlich spürbar. Die Beine werden bei nicht ganz durchgedrückten Kniegelenken gestreckt und locker gehalten, das Becken steht senkrecht und quer (neutral) zum Ziel. Bei aufrechtem Oberkörper fallen die Schultern locker nach unten, sie werden beim Spannen des Bogens nicht hochgezogen. Insgesamt beschreibt der Körper beim Ausziehen der Bogensehne eine T-Stellung, die Wirbelsäule bleibt während des Schussablaufes gerade ausgerichtet. Das Zuggewicht des Bogens darf nur so hoch sein, dass der Schütze das Körper-T wahren kann. Der Kopf wird aufrecht und unbeweglich ("stolz") mit dem Blick zur Zielscheibe gehalten.

Bogenhand, Bogenarm und Bogenschulter

Die Bogenhand nimmt eine Y-Stellung ein, dabei liegt der Hauptdruckpunkt des Bogengriffes zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Hand ist nach außen gedreht, der Daumen zeigt zum Ziel, die Finger bleiben locker und entspannt. Bei ausgedrehtem Ellenbogen werden der ganze Arm locker und die Bogenschulter bewusst tief gehalten.

Zughand und Zugarm

Die Bogensehne wird mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger so gefasst, dass die Sehne im vordersten Gelenk dieser Finger verläuft. Der Zeigefinger liegt dabei oberhalb, Mittel- und Ringfinger befinden sich unterhalb des Pfeils, der kleine Finger und der Daumen werden "locker beiseitegelassen". Bei möglichst gleichmäßigem Zug der genannten Finger an der Bogensehne bleibt die Zughand gestreckt, sie liegt - ohne abzuknicken - in einer Linie zum Unterarm. Bei vollem Auszug des Pfeils befinden sich Pfeil, Bogenarm und Zugarm auf einer Linie und bilden zusammen mit dem Oberkörper das schon oben erwähnte "Körper-T".

Ankerpunkt

Bei vollständigem Auszug der Bogensehne und nach Abschluss der Zugphase stellt die Zughand am sogenannten Ankerpunkt einen stabilen, reproduzierbaren und wackelfreien Kontakt mit dem Kopf her. Einmal genau gefunden, ist der stabile Anker, zusammen mit dem festen Stand, ein wichtiger Referenzpunkt, von dem aus der Schütze immer wieder kleinere Korrekturen am übrigen Körper vornehmen kann. Der Ankerpunkt ist beim Abschluss der Zugbewegung auch der Ruhepunkt, von dem aus der Pfeil dann fliegen darf.


Die einzelnen, beim Fortgeschrittenen dann automatisierten und immer identischen Schritte des Bewegungsablaufs beim intuitiven Bogenschießen [1-4, 6-8].

Erster Schritt:

Richtige Bogenhaltung, richtiger Stand, Einlegen des Pfeils. Von Rechtshändern wird der Bogen mit der linken, von Linkshändern mit der rechten Hand gehalten, in Ruhehaltung am langen Arm, die Bogensehne waagrecht zwischen Arm und Hüfte. Der Bogenschütze nimmt zunächst zum festgelegten Ziel einen sicheren Stand ein. Sobald er ihn gefunden hat, atmet er mit Hilfe der Bauchatmung gleichzeitig mit dem Einlegen des Pfeils in den Bogen tief ein. Dieser tiefe Atemzug vermittelt Ruhe und verlagert den Körperschwerpunkt in den Unterbauch. Zum Einlegen des Pfeils Bogen leicht schräg nach vorne anheben, den Pfeil auf die Pfeilauflage des Bogens legen und ihn unterhalb des auf der Sehne markierten Nockpunktes mit seiner Nocke (U-förmige Einkerbung am Pfeilschaftende) "einnocken".

Zweiter Schritt:

Intuitive Zielorientierung. Aus dem sicheren Stand heraus und mit eingelegtem Pfeil, der unter leichter Vorspannung gehalten wird, schaut man nun mit beiden geöffneten Augen auf das Ziel, das sich in der Mitte eines weiten Blickfelds befinden sollte. Dieses weite und offene Blickfeld mit dem Punkt in der Mitte, "wo der Pfeil landen soll", wird bis zum Lösen des Pfeils beibehalten. Bogenarm, Pfeil und Pfeilspitze werden allenfalls verschwommen wahrgenommen. Schon jetzt entwickelt sich ein Gefühl von Ruhe und Gelöstheit und ein Vertrauen darauf, dass der Pfeil nicht rational gesteuert, sondern dem eigenen Unbewussten vertrauend, am richtigen Ort landen wird.

Dritter Schritt:

Heben des Bogens und Auszug der Sehne. Mit dem Heben des Bogens in Richtung Ziel beginnt die Zugphase, in der die Sehne mit dem eingelegten Pfeil in einer gleichmäßigen Bewegung des Ellenbogens nach hinten gezogen wird. Dabei sollte im optimalen Fall nur die Schulter- und Rückenmuskulatur betätigt werden, es ist zu vermeiden, die Bogensehne mit dem Oberarm auszuziehen. Durch den Einsatz der Rückenmuskulatur sowohl beim Bogen- wie auch beim Zugarm nähern sich beim Spannen des Bogens die Schulterblätter einander an, es kommt zu einer Dehnung und oft als sehr angenehm empfundenen "Öffnung" des Brustkorbes sowie zu einem Aufrichten des ganzen Körpers. Von vielen Bogenschützen wird beim Sehnenauszug mit Bauchatmung leicht eingeatmet.

Vierter Schritt:

Ankern, Lösen des Pfeils, Nachhalten. Die Zugphase, also das ruhige, kraftvolle Spannen der Bogensehne, endet mit dem stabilen und vor allem reproduzierbaren "Ankern" der Zughand im Gesicht des Bogenschützen. Von diesem Ruhepunkt aus kann nun der Pfeil fliegen, wenn das Körpergefühl signalisiert, dass dieser Pfeil im Ziel landen wird. Zum Lösen des Pfeils öffnen sich dann die Zugfinger wie von selbst und lassen den Pfeil fliegen. Der Bogenschütze behält seine Körperhaltung noch für einige Sekunden bei. Zum einen wird der Schuss dadurch nicht verzogen, zum anderen prägt sich in diesem Moment des "Nachhaltens" das Geschehene am besten ein. Die durchgeführten Bewegungsmuster werden bei achtsamem Nachhalten gespeichert, Erfahrungen unbewusst verwertet. Das Nachhalten kann so lange andauern, bis der Schütze auch in Ruhe ausgeatmet hat.


Danksagung:

Ein besonderer Dank geht an meinen Bogenlehrer Gerd Bechtel, dem es gelungen ist, die ursprüngliche Begeisterung für das intuitive Bogenschießen in mir durch seine klugen und fachmännischen Hinweise noch weiter zu vertiefen.


Literatur
1. Aufiero E. Kurzanleitung Bogenschiessen. BST Bogenschützen Thalwil. Version 1.0. September 2003. http://www.bogenschiessen-tsv.de/Kurzanleitung-Bogenschiessen.pdf (Letzter Zugriff 19.08.2016)
2. Bogenclub Union Salzburg (Hrsg) www.bogensport-salzburg.org/technik/07_anker.html. (Letzter Zugriff am 19.08.2016)
3. Christensen L. Intuitives Bogenschiessen: Übungen für Technik und Geist. Verlag Die Werkstatt GmbH Göttingen 2015
4. Kostka N. Bogenschießen für Einsteiger: Lehrbuch für angehende Langbogen-, Recurvebogen- und Compoundschützen. 2. Auflage 2015
5. Krapf G. Autogenes Training aus der Praxis: Ein Gruppenkurs. 3. Auflage. Springer Verlag Berlin Heidelberg New York 1980
6. Losse U. Bogenschießen: Alles über Pfeil und Bogen. www.bogenundpfeile.de. (Letzter Zugriff am 19.08.2016)
7. Schäfer KH. Therapeutisches Bogenschießen. Ernst Reinhardt GmbH & Co KG Verlag München, Basel 2015
8. Schölz D. http://daniel-schoelz.de/ traditionelles-bogenschießen/intuitives-bogenschießen/. (Letzter Zugriff am 19.08.2016)



Autoren:
Dr. med. Thomas Meyer,
FA f. Allgemeinmedizin, Psychotherapie;
Elisabeth Meyer, M. SC (Psychologie);
Dr. med. Fritz Meyer, FA f. Allgemeinmedizin
86732 Oettingen/Bayern
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