Der Besuch des Kranken in seiner privaten Umgebung ist eine wichtige und originäre Domäne des „qualifizierten Primärversorgers“ (Weigeldt 2017), vulgo des Hausarztes, der als „Treppentiger“ medizinische, soziale und gelegentlich auch anderweitige, nicht selten miteinander verschränkte Fragestellungen vor Ort lösen muss.

Gerne wird dieser Modus ärztlicher Berufsausübung von technikaffinen Kollegen einkommensstärkerer Fachrichtungen als unbedeutende Barfußmedizin deklassiert, konträr zur Wahrnehmung unserer Patienten. In jedem Fall ist ein gerütteltes Maß an Toleranz und Humor unabdingbar, um diese Arbeit langfristig machen zu können.

Zwei Beispiele aus der Praxis:

Eine hochbetagte, sehr nette, aber vollkommen auf sich allein gestellte Dame rief an einem schon dunkel hereinbrechenden, späten Freitagnachmittag verzweifelt an: Ihr gehe es einfach schlecht, einen Grund könne sie nicht nennen, Diskussion sei überflüssig, Punktum, sie brauche den Doktor jetzt, sofort.

In der Wohnung der Erkrankten versuchte ich zunächst das Symptombild zu durchleuchten. Nach einem kurzen Sondierungsgespräch wurde deutlich, dass die größte Schwierigkeit der hilflosen Seniorin darin bestand, ihren streikenden Fernseher in Gang zu setzen, und sie befürchtete, ein langes Wochenende vor der schwarzen Mattscheibe ausharren zu müssen. Wissenschaftlich gesehen lag eine Insufficientia instrumenti televisifici imminens mit einer drohenden sekundären psychischen Dekompensierung der Gerätebesitzerin vor.

Die therapeutische Konsequenz war mir sofort klar: eine ordentliche Dosis des sogenannten Beziehungsvitamins B. Oder anders ausgedrückt: Ich rief einen mir gewogenen Elektromeister privatissime an und dieser war angesichts des akuten Notfalls stante pede bereit auszurücken. Dreißig Minuten später war das Problem gelöst, meine Patientin geheilt und überglücklich.

An einem weiteren Freitagnachmittag, das Wochenende schon im Blick, wurde ich dringend von einem 81-jährigen, alleinlebenden und vereinsamten Witwer gerufen, der mit ausgedehnten, zweit- bis drittgradigen Verbrennungen beider Füße Tage zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden war: Die Verbände seien eitrig, ein Hausbesuch zwingend erforderlich, ein Praxisbesuch schlichtweg unmöglich.

Etwas verdrießlich fuhr ich mit meinem Verbandkoffer los und versorgte in der kleinen Patientenküche die zugegebenermaßen unschönen Wunden. Nachdem ich dem etwas unbeweglichen Herrn zuletzt auch noch die Wollstrümpfe übergezogen hatte, erklärte er mir freudestrahlend, mein Besuch sei gerade noch recht gekommen, denn jetzt müsse er gleich zu seiner Schafkopfrunde gehen.

Eigentlich wollte ich schon leicht angesäuert mit der Floskel reagieren, den Hausarzt lässt man kommen, zum Kartenspiel geht man. Doch dann sah ich die Vorfreude auf diesen geselligen Abend in seinen Augen, atmete tief durch und wünschte ihm von Herzen ein gutes Blatt und Kartlerglück. Wie gesagt: Für Abwechslung ist gesorgt, aber ein großes Herz, das braucht man schon als Hausarzt.



Das meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt