Der folgende Beitrag soll exemplarisch auf einige sich häufig in der Praxis ergebende Fragestellungen eingehen, die die Leichenschau und die Ausfüllung der Todesbescheinigung betreffen.

Was ist unter dem Begriff „nicht natürlicher Tod“ zu verstehen?

Als nicht natürlicher Tod ist (z. B. in § 3 Abs. 3 der Bayerischen Bestattungsverordnung) ein solcher definiert, „der durch Selbsttötung, durch Unfall, durch strafbare Handlung oder durch sonstige Einwirkung von außen herbeigeführt wurde.“ Die Schuldfrage spielt für die Festlegung der Todesart keine Rolle; dies zu klären ist Aufgabe der Ermittlungsbehörde - die freilich erst dann aktiv werden kann, wenn ihr der Sterbefall pflichtgemäß gemeldet wurde.

Zu beachten ist weiterhin, dass die Kategorisierung in natürlicher/nicht natürlicher Tod auch versicherungsrechtliche Auswirkungen haben kann. So muss z. B. ein Todesfall nach einem selbst verschuldeten Sturz im häuslichen Milieu mit dadurch bedingter Schenkelhalsfraktur als nicht natürlicher Tod eingeordnet werden. Das ist auch dann der Fall, wenn der Patient letztlich an einer immobilisierungsbedingten Lungenembolie verstirbt. Würde fälschlicherweise ein natürlicher Tod angekreuzt werden, müssten die Hinterbliebenen damit rechnen, dass die private Unfallversicherung die Todesfallleistung verweigert.

Insoweit besteht für den Leichenschauarzt letztlich kein Ermessensspielraum im eigentlichen Sinne, wie er in der Stellungnahme eines zu diesem Fall von der Staatsanwaltschaft befragten Arztes fälschlicherweise angenommen wurde. Der Kollege hatte erklärt, dass nach einem Unfall ohne Fremdverschulden nach seinem Ermessen ein natürlicher Tod vorläge. Sonst müsse bei jedem hochbetagten Patienten, der an einer Schenkelhalsfraktur verstirbt, auch nicht natürlicher Tod angekreuzt werden, was ja nicht der Fall sei.

Kausalzusammenhang nach Unfall

Es existiert keine zeitliche Grenze, ab der bei der Leichenschau von vornherein ein ursächlicher Zusammenhang zwischen einem am Beginn der Krankengeschichte stehenden (Unfall-) Ereignis und dem Tod auszuschließen ist. Man muss sich vielmehr die Frage stellen, ob der Patient an der konkreten Todesursache zu diesem Zeitpunkt auch dann gestorben wäre, wenn das primäre Ereignis nicht stattgefunden hätte.

Das folgende Beispiel soll eine solche Situation erläutern: Ein Kleinkind im Alter von zwei Jahren erleidet einen Ertrinkungsunfall, kann allerdings erfolgreich reanimiert werden. Dennoch verbleibt aufgrund einer hypoxischen Hirnschädigung ein sogenanntes apallisches Syndrom mit dauerhafter Immobilisierung des kleinen Patienten. Schließlich verstirbt das Kind im Alter von vier Jahren an einer hypostatischen Bronchopneumonie. Hier einen natürlichen Tod zu attestieren, geht fehl, da nach aller medizinischen Erfahrung das Kind diese Bronchopneumonie nicht entwickelt hätte, wenn es nicht unfallbedingt immobilisiert gewesen wäre.

Muss jede Leiche zur Leichenschau entkleidet werden?

Soll ein natürlicher Tod attestiert werden, muss die Leichenschau an der vollständig entkleideten Leiche vorgenommen werden. Alle Körperregionen sind einzubeziehen einschließlich der behaarten Kopfhaut, des Rückens und aller Körperöffnungen. Dabei ist es allerdings nicht erforderlich, bei einer totenstarren Leiche mit Gewalt die Kiefer zu öffnen, um die Mundhöhle inspizieren zu können. Dies wird im Regelfalle nicht gelingen können, ohne an der Leiche Verletzungen zu setzen.

Das Entkleiden der Leiche, ggf. unter Aufschneiden der Bekleidung, obliegt dem Leichenschauarzt. Ergeben sich während der Leichenschau Anhaltspunkte für das Vorliegen eines nicht natürlichen Todes, soll insbesondere im Hinblick auf spurenkundliche Belange von einem weiteren Entkleiden der Leiche abgesehen werden.

Wann muss die Polizei informiert werden?

Kann die verstorbene Person im Rahmen der Leichenschau nicht identifiziert werden, besteht gänzlich unabhängig von Todesursache und Todesart eine Meldepflicht an die Polizei. Auch dann, wenn ein nicht natürlicher Tod vorliegt oder die Todesart ungeklärt ist, muss die Polizei benachrichtigt werden. Eine solche (telefonische) Meldung nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

Grundleiden, Zwischenleiden und unmittelbare Todesursache

Der vertrauliche Teil der Todesbescheinigung wird über das Standesamt dem für den Sterbeort zuständigen Gesundheitsamt zugeführt. Dort werden die Angaben des Leichenschauarztes auf Plausibilität geprüft. Bestehen Unklarheiten, muss sich das Gesundheitsamt mit dem Leichenschauarzt in Verbindung setzen, um diese zu beseitigen. Dies kann z. B. dann der Fall sein, wenn der Sterbezeitpunkt bzw. der Zeitpunkt, an dem die Leiche aufgefunden wurde, nicht angeführt ist oder wenn die Eintragungen zur Todesursache mangelhaft sind.

Die Angaben zur Todesursache dienen als Erfassungsgrundlage der Todesursachenstatistik, wobei darauf hinzuweisen ist, dass nur das Grundleiden, nicht jedoch die unmittelbare Todesursache in diese Statistik einfließt. Ein Endzustand, wie z. B. Herz-Kreislauf-Stillstand, wird als unmittelbare Todesursache nur dann akzeptiert werden können, wenn die Grunderkrankung ebenfalls angegeben ist.

Kann ein Arzt die Leichenschau ablehnen?

Vordergründig richtet sich die Verpflichtung zur Leichenschau an niedergelassene Ärzte, erst in zweiter Reihe an Krankenhausärzte. Einige Bestattungsgesetze der Bundesländer beinhalten Sonderregelungen, die bestimmte Ärztegruppen von der Leichenschau explizit ausschließen. So darf beispielsweise in Hessen und Baden-Württemberg der Arzt, der eine ärztliche Maßnahme veranlasst oder durchgeführt hat, die Leichenschau nicht durchführen, wenn Anhaltspunkte dafür vorhanden sind, dass der Tod in ursächlichem Zusammenhang mit dieser Maßnahme eingetreten ist.

Unabhängig davon gelten als Verweigerungsgründe grundsätzlich diejenigen, die dem allgemeinen Zeugnisverweigerungsrecht gemäß § 55 Strafprozessordnung entsprechen. Dies bedeutet, dass ein Arzt den Auftrag zur Leichenschau dann ablehnen kann, wenn er sich oder einen nahen Angehörigen bei ordnungsgemäßer Durchführung der Leichenschau der Gefahr aussetzen würde, wegen einer Ordnungswidrigkeit oder Straftat verfolgt zu werden.

Als Verweigerungsgrund wird nach dem Grundsatz der Rechtsgüterabwägung ebenfalls akzeptiert, wenn der Arzt eine Notfallbehandlung bei einem anderen Patienten vornehmen muss. Bundesweit dürfen sich zudem Notärzte (in einigen Bundesländern auch Ärzte im Bereitschaftsdienst der KV) auf die Feststellung des Todes, der Todeszeit und der äußeren Umstände beschränken, ohne eine vollständige Leichenschau vornehmen zu müssen.


Literatur
1. Ahne T, Ahne S, Bohnert M (2011) Rechtsmedizinische Aspekte der Notfallmedizin. Thieme, Stuttgart, New York
2. Madea B (2006) Die ärztliche Leichenschau. Springer, Berlin, 2. Auflage
3. Peschel O (2012) Leichenschau, Teil 1 und 2. MMW-Fortschr Med 153: 60-67
4. Wainwright U (2012) Die Leichenschau – Fallstricke und Irrrtümer. Der Allgemeinarzt 34:38-40

Interessenkonflikte:
keine deklariert

Dr. med. Thomas Tatschner


Kontakt:
Dr. med. Thomas Tatschner
Institut für Rechtsmedizin der Universität Würzburg
97078 Würzburg