Junge Ärzte fliehen aus der Ordination und wollen mehr Delegation und Substitution für lästige Hausbesuche. Der Medizinernachwuchs tickt offenbar hörbar anders. Ohne Scheu vor der Technik streben die jungen Kollegen künftig den "digitalen Kassenarztsitz" an und wollen ihre Patienten in der virtuellen Praxis behandeln. Der Tabubruch bereitet den etablierten Altvorderen in den Körperschaften erkennbar Bauchschmerzen, wie die Diskussion unter dem Titel "(Haus)ärztliche Versorgung der Zukunft – reell, virtuell oder hybrid" beim Europäischen Gesundheitskongress deutlich machte.

Angehende Ärzte sollten im Umgang mit den digitalen Möglichkeiten geschult werden.

Erst wenn die letzte Dorfpraxis geschlossen hat und die Klinikambulanz in der Kreisstadt aus allen Nähten platzt, wird man in den KV-Zentralen feststellen, dass man es versäumt hat, rechtzeitig und ernsthaft mit dem Nachwuchs über die Arbeitsbedingungen für die medizinische Versorgung in der Zukunft zu sprechen.

Braucht es einen Facharzt für Telemedizin?

Doch so weit müsse es nicht kommen, versprach Dr. Andy Fischer, CEO des Unternehmens Medgate aus der Schweiz. Medgate will demnach die Versorgung der Kranken in den eigenen vier Wänden vorantreiben. Fischer sprach sich für eine Dezentralisierung der Gesundheitsversorgung im Interesse der Patientenwünsche aus. Er verspricht darüber hinaus sogar eine höhere Kosteneffizienz im System. Derzeit liegt der Schwerpunkt von Medgate noch in der Koordination, Terminvereinbarung und bei der Arztwahl. Konkret sorgen sich rund 2.000 Ärzte, 70 Kliniken, 200 Apotheker und 120 Chiropraktiker um 5.700 Patientenkontakte pro Tag. Die Patientenzufriedenheit mit Weiterempfehlungsraten zwischen 30 und 50 % sei "top". Nötig für die Umsetzung des Modells ist aus Fischers Sicht allerdings eine Spezialausbildung für angehende Ärzte im Umgang mit den digitalen Möglichkeiten: Es müsse so etwas wie einen "Facharzt für Telemedizin" geben, schlägt er vor.

Delegation und Substitution erwünscht

Bei den Nachwuchsmedizinern rennt er mit dieser Sichtweise auf die Digitalisierung womöglich offene Türen ein. Für Constanze Czimmeck, Bundeskoordinatorin für Gesundheitspolitik bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V., läuft der ärztlichen Körperschaft die Zeit davon. Sie sieht interprofessionelle Zusammenarbeit mit Delegation und Substitution als klare Zukunftsoption. Hausarztbesuche könnten mit virtueller Unterstützung auch durch MFA erfolgen, meint Czimmeck und fordert, die Bindung an den realen Kassenarztsitz zugunsten eines digitalen KV-Sitzes aufzugeben, um der Work-Life-Balance der jungen Ärzte entgegenzukommen.

Sprechstunde aus Ibiza

Dr. Jörg Berling, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen und "selbst noch einen Tag in der Woche als Hausarzt tätig", verweist auf die Chance, mit neuen Arbeitsmodellen gerade weibliche Ärzte als potenzielle Klientel für die derzeit 345 vakanten Hausarztsitze in Niedersachsen zu gewinnen. Berling beschwichtigt zudem mit dem Hinweis, es gebe lange schon keine Residenzpflicht mehr für Ärzte, eine telemedizinische Sprechstunde sei auch von zu Hause aus möglich. Berling gibt aber zu bedenken, dass auch die Videosprechstunde das Zeitkonto der beteiligten Ärzte belaste. Und die Umstellung bedeute zunächst Mehrarbeit, warnte er vor allzu großer Euphorie.

Für Dr. Andy Fischer von Medgate ist das alles fast schon Schnee von gestern. Er provozierte mit der Prophezeiung, dass zukünftig auch "im Sommer vom Ferienhaus auf Ibiza aus und im Winter aus St. Moritz" praktiziert werden würde. Und er mahnte die ärztliche Selbstverwaltung: "Das Wasser findet seinen Weg. Entweder wir bieten das an, oder andere tun das."



Autor:
Hans Glatzl