Viren können verschiedene Krebsarten auslösen, beispielsweise im Gebärmutterhals oder in der Leber. Gegen Humane Papillomaviren oder Hepatitis-Viren steht bereits seit einigen Jahren eine Impfung zur Verfügung. Auch therapeutische Impfstrategien, beispielsweise gegen Lungenkrebs, werden derzeit erforscht und zielen darauf ab, Oberflächenstrukturen von Tumoren zu identifizieren und diese dem Patienten zu injizieren, sodass das eigene Immunsystem in der Lage ist, die Tumorzellen zu bekämpfen.

Immer wieder ist von Impfstoffen gegen Krebs zu lesen. Dabei ist von ganz unterschiedlichen, aber nicht immer seriösen Verfahren die Rede. Sich gegen Krebs impfen lassen so wie gegen Masern – ist das realistisch?

Schutzimpfung gegen HPV

Streng genommen ist eine Schutzimpfung gegen krebsfördernde Viren die einzige „echte“ Anti-Krebs-Impfung im Sammelsurium vieler Begriffe. In Industrieländern werden etwa 8 % aller Krebserkrankungen durch Viren oder Bakterien verursacht. Beim Gebärmutterhalskrebs zum Beispiel ist das der Fall: Eine wichtige Ursache für die Entstehung dieses Krebses sind Humane Papillomaviren (HPV), die beim Sex übertragen werden. Gegen diese Viren steht heute bereits eine Impfung zur Verfügung. [1]

Möglichst vor dem „ersten Mal“ sollten sich junge Mädchen impfen lassen, empfiehlt die Ständige Impfkommission in Berlin (STIKO) und hat deshalb kürzlich den idealen Zeitpunkt für die Impfung gegen HPV auf 9 bis 14 Jahre herabgesetzt. [2] Inwieweit sich die Impfung langfristig in einer Senkung der Krebsrate niederschlägt, ist derzeit nicht zu sagen, weil noch keine ausreichend langen Zeiträume überblickt werden können. Mit der HPV-Impfung lässt sich jedoch die Rate von Krebsvorstufen am Gebärmutterhals nachweislich deutlich reduzieren. [3, 4]. Auch Leberkrebs kann durch Viren ausgelöst werden. Dasselbe gilt zum Beispiel für Tumoren im Kopf-Hals-Bereich. Für solche Krebserkrankungen kommt grundsätzlich eine klassische präventive Impfung gesunder Menschen, die ein relevantes Infektionsrisiko tragen, in Frage. [5, 6] Schutzimpfungen gegen Viren, die als krebsfördernd gelten, können so vielleicht helfen, dass durch Viren ausgelöste Krebsarten in Zukunft nicht mehr so häufig auftreten.

Therapeutisches Impfen

Darüber hinaus wird der Begriff „Impfung“ bei Krebs aber auch noch in einem anderen Sinn verwendet: So gibt es therapeutische Ansätze, die nach dem Prinzip einer Impfung funktionieren. Dabei handelt es sich um Behandlungsstrategien, die bei bereits erkrankten Menschen zum Einsatz kommen sollen und das Ziel verfolgen, den Krankheitsprozess günstig zu beeinflussen bzw. in frühen Stadien vielleicht sogar eine Heilung anzustoßen. [5]

Eine Impfung ist eine gezielte Stimulation des Immunsystems, um eine bestimmte Immunantwort zu provozieren. Genau das ist auch das Ziel therapeutischer Impfstrategien bei Krebs: Durch die Präsentation spezifischer Antigene des jeweiligen Tumors soll die körpereigene Abwehr veranlasst werden, ihre volle Kraft auf die Tumorzellen zu richten und sie zu vernichten. Voraussetzung für eine solche Strategie: Die entarteten, sich unkontrolliert teilenden Krebszellen müssen Antigene auf ihrer Oberfläche tragen, die sie von gesunden Körperzellen unterscheiden.

Immunsystem auf die Sprünge helfen

Therapeutische Impfstrategien bei Krebs zielen darauf ab, Erkennungsstrukturen von Tumoren zu identifizieren und diese bzw. Bruchstücke davon dem Patienten zu injizieren. Durch diese Überflutung mit Tumorantigen – so die Hoffnung – kann man dem Immunsystem auf die Sprünge helfen und einen wirkungsvollen Angriff auf den Tumor provozieren. [5]

Verschiedene Impfstoffe befinden sich aktuell beim Lungenkrebs in der klinischen Prüfung. Beim nichtkleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) findet sich das sogenannte MUC1-Antigen in besonders hoher Dichte auf den Zelloberflächen und ist deshalb als Antigen für einen Impfstoff gut geeignet. In einer großen Studie an über 1 000 Patienten mit inoperablem NSCLC ohne Metastasen ergab sich eine beeindruckende Verlängerung der Überlebenszeit, wenn die Patienten parallel zu einer Chemo-Strahlen-Therapie mit dem neuen Stoff geimpft wurden. War die Chemo-Strahlen-Therapie dagegen vor der Impfung abgeschlossen, konnte kein Einfluss auf das Überleben dokumentiert werden. [8]

Ein Zufallsbefund könnte der Anfang einer völlig neuen Ära in der Krebstherapie sein. Seit langer Zeit ist bekannt, dass bei Krebspatienten, die zufällig eine Virusinfektion bekommen, die Tumoren zum Teil völlig verschwinden. Dieses Phänomen machen sich Wissenschaftler jetzt zunutze. Sie bekämpfen Krebszellen mit veränderten Impfviren, beispielsweise mit Masern-Viren. Einige dieser neuen Virotherapien werden bereits in klinischen Studien getestet.

Viren sind in der Lage, Krebszellen gezielt zu infizieren und zu zerstören. Wissenschaftler sprechen von Onkolyse. Der Trick: Die Viren werden so modifiziert, dass sie gezielt Krebszellen befallen. In den Krebszellen angekommen, vermehren sie sich nahezu ungebremst. Am Ende platzen die befallenen Tumorzellen und setzen massenhaft neu gebildete Viren im Tumor frei. Die Onkolyse funktioniert auch dann, wenn die Krebszellen auf keine der herkömmlichen Behandlungsmöglichkeiten wie Chemotherapeutika, Bestrahlung oder Antikörper mehr ansprechen, so die Forscher.

Um die Wirkung der Viren gegen Krebszellen zu verstärken, werden diese zusätzlich bewaffnet durch den Einbau eines sogenannten Suizid-Gens. Dieses Gen zwingt die infizierten Krebszellen zum „biochemischen“ Selbstmord und verstärkt somit zusätzlich die direkt virusvermittelte Onkolyse. Eine große Herausforderung bei einer Virotherapie besteht darin, die Viren so umzubauen, dass sie gezielt nur Krebszellen, genauer Krebsstammzellen, und keine gesunden Körperzellen befallen und zerstören.

Vorsicht vor großen Versprechungen

Diese Beispiele zeigen, dass therapeutische Impfstrategien bei Krebserkrankungen derzeit noch mit etlichen Fragezeichen versehen sind. Das Immunsystem ist ein hochkomplexes Gefüge aus zellulären und nicht-zellulären Bestandteilen, die in zum Teil noch nicht verstandener Weise zusammenspielen und auch auf die grundlegende Antigen-Antikörper-Reaktion Einfluss nehmen. Deshalb sollten therapeutische Impfungen bei Krebs aktuell nur im Rahmen von klinischen Studien durchgeführt werden. Vor Behandlungsangeboten, die eine Heilung oder andere sensationelle Erfolge per Impfung versprechen, warnen Experten daher eindringlich. Das Ziel der Forschung ist eine individuell maßgeschneiderte Therapie, bei der ausgereifte Impfstrategien in Zukunft eine zunehmende Rolle spielen könnten.

Quelle: Deutsche Krebsgesellschaft


Literatur:
[1] Krebsinformationsdienst: Gebärmutterhalskrebs: Ursachen und Risikofaktoren. Stand Mai 2014. URL: http://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/gebaermutterhalskrebs(abgerufen am 14.07.2014)
[2] Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut. Stand: August 2013. Epidemiologisches Bulletin. 26. August 2013 / Nr. 34. URL: http://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO
[3] Brotherton J et al.: Early effect of the HPV vaccination programme on cervical abnormalities in Victoria, Australia: an ecological study. Lancet 2011; 377(9738): 2085–2092
[4] Joura EA et al.: Effect of the human papillomavirus (HPV) quadrivalent vaccine in a subgroup of women with cervical and vulvar disease: retrospective pooled analysis of trial data. BMJ 2012; 344: e1401
[5] Krebsinformationsdienst: Immuntherapien. Gibt es eine Impfung gegen Krebs? Stand Juli 2014. URL: http://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/impfen-gegen-krebs.php#top (abgerufen am 14.07.2014)
[6] Krebsinformationsdienst: Viren und Krebs – Können Impfungen schützen? Stand Juni 2013. URL: http://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/viren.php (abgerufen am 14.07.2014)
[7] Sebastian M.: Impfung gegen Krebs. In: FORUM. Das offizielle Magazin der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. 2014; 29(2): 121–123
[8] Butts C et al.: Randomized phase IIB trial of BLP25 liposome vaccine in stage IIIB and IV non-small-cell lung cancer. J Clin Oncol. 23(27): 6674–6681