Wenn Sie das Gefühl haben, der bürokratische Aufwand in Ihrer Praxis ist schon wieder größer geworden, dann trügt Sie Ihr Eindruck wohl nicht. Tatsächlich hat der Verwaltungsaufwand in deutschen Arztpraxen auch im Jahr 2017 weiter zugenommen. Das zeigt der zweite Bürokratieindex der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Zum zweiten Mal hat die KBV mit der Fachhochschule des Mittelstands den Bürokratieindex für Ärzte und Psychotherapeuten erstellt. Das Ergebnis: Der Bürokratieindex zog im Vergleich zum Vorjahr leicht an – und zwar um 0,2 % oder rund 115.000 Nettoarbeitsstunden im Vergleich zum Jahr 2016. Insgesamt wendeten Ärzte und Psychotherapeuten somit etwa 54 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr für administrative Pflichten auf.

Online-Forum "Mehr Zeit für Patienten"
Ärzte und Psychotherapeuten, die konkrete Vorschläge für den Bürokratieabbau in der Praxis haben, können diese der KBV über das Online-Forum "Mehr Zeit für Patienten" mitteilen. Das Online-Forum sammelt Hinweise, mit denen sich der Verwaltungsaufwand in den Praxen reduzieren lässt, und macht sie öffentlich. Das Portal ( http://buerokratieabbau.kv-safenet.de ) ist über das Sichere Netz der Kassenärztlichen Vereinigungen erreichbar. Die KBV setzt sich mit den Vorschlägen auseinander und prüft, inwieweit sie umsetzbar sind.

Insbesondere durch den demographischen Wandel ist auch für die Zukunft mit steigenden Fallzahlen zu rechnen. Es wird daher zu einem weiteren Anstieg der bürokratischen Belastung für Praxen kommen, wenn nicht ausreichend Maßnahmen für eine Reduzierung der administrativen Aufwände ergriffen werden.

Index sorgt zumindest für Transparenz

"Wirksame Bürokratiekostenkontrolle erfordert zunächst die Messung der bürokratischen Belastung", sagt Professor Volker Wittberg, Leiter des Nationalen Zentrums für Bürokratiekostenabbau (NZBA) und Prorektor an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM). Mit dem entwickelten Bürokratieindex sei die nötige Transparenz für eine bessere Regulierung geschaffen worden. Für die jährliche Ermittlung des Index wird nur der Anteil an Verwaltungsaufgaben betrachtet, der durch Vorgaben der Selbstverwaltung auf Bundesebene verursacht wird. Allein für diese Aufgaben gehen in den Arztpraxen im Schnitt 60 Tage pro Jahr drauf. Gesetzliche Regelungen fallen nicht darunter. Diese werden durch das Statistische Bundesamt in einem eigenen Index geführt.

Bürokratieabbau ist kein Selbstläufer

Zwar bemühe sich die KBV um den Abbau unnötiger Bürokratie, aber das sei "kein Selbstläufer", wie KBV-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel es formuliert. Während an einer Stelle erfolgreich Bürokratie abgebaut wird, entstehen an anderer Stelle neue Belastungen. So habe eine deutliche Reduzierung der Bürokratie 2017 zum Beispiel mit der Vereinfachung der Chronikerbescheinigung erreicht werden können, erläuterte er. Diese Entlastung würde jedoch unter anderem durch den vermehrten Aufwand bei der Verordnung von Krankenbeförderungen wieder aufgehoben. So sind Krankentransporte um über 10 % gestiegen und umfassen mittlerweile rund 51 Millionen Fälle pro Jahr. Diese Zahlen spiegeln einen erhöhten Versorgungsbedarf wider.

Überweisungen und Kassenauskünfte sind Spitzenreiter

Dem Index zufolge werden knapp 90 % aller bürokratischen Belastungen für Ärzte und Psychotherapeuten durch nur 6,5 % der administrativen Pflichten ausgelöst. Spitzenreiter sind das Ausstellen von Überweisungen und das Erteilen von Auskünften an die Krankenkassen und den Medizinischen Dienst. Dafür gehen die meisten Stunden drauf.

Immer noch ganz vorn liegt auch die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, bei der der Aufwand durch die steigende Zahl der Krankschreibungen gestiegen ist. Eine zusätzliche Informationspflicht stellt die 2017 neu eingeführte "Präventionsempfehlung" dar, die Ärzte in Form einer ärztlichen Bescheinigung ausstellen.

Entlastung bei Chronikerbescheinigung

Bei der "Chronikerbescheinigung" trug die Neugestaltung des Formulars zu einer deutlichen Zeitersparnis bei. Zudem kann der Vordruck nun IT-gestützt befüllt werden. Zu weniger Bürokratie hat auch eine Neuregelung bei der Abnahmeprüfung von Ultraschallgeräten beigetragen. In der Vergangenheit mussten Ärzte aufwendige Testbilder des neuen Gerätes anfertigen und einreichen. Jetzt reicht eine Gewährleistungserklärung des Herstellers aus.

Psychotherapeuten: Verschlankung des Antragsverfahrens

Die Reform der Psychotherapie-Richtlinie hat vor allem durch die Verschlankung des Antragsverfahrens zu einem Abbau von Bürokratie geführt. Vereinfacht wurde beispielsweise die Antragsstellung auf Fortsetzung der Behandlung; das Gutachterverfahren bei der Kurzzeittherapie ist nicht mehr regelhaft erforderlich.

Bürokratie um 25 % runter

Angesichts des aktuellen Bürokratieindex fordert die KBV, ein verbindliches Abbauziel von 25 % gesetzlich zu verankern. "Die Reduzierung des Bürokratieaufwands im vertragsärztlichen Bereich um 25 % in den nächsten 5 Jahren würde jährlich über 13 Millionen Stunden zusätzlich für die Versorgung der Patienten bringen", hob Kriedel hervor. Kostbare Zeit, die angesichts des demografischen Wandels dringend gebraucht werde. Zugleich betonte er, dass beim Bürokratieabbau nicht nur die Selbstverwaltung gefragt sei. Auch die Vorgaben des Gesetzgebers würden maßgeblich über den Bürokratieaufwand in den Arztpraxen entscheiden.

Hilft Digitalisierung?

Große Hoffnungen, was den Bürokratieabbau anbetrifft, setzen viele in die zunehmende Digitalisierung der Medizin. Die Autoren des Bürokratieindex kommen allerdings zu dem Schluss, dass Digitalisierung zwar eine große Chance für den Abbau von Bürokratie darstellt, diese aber nicht zwangsläufig eine Reduzierung der administrativen Aufgaben für Praxen bedeutet. Aktuell lasse sich beobachten, dass die Umsetzung von Digitalisierungsvorhaben oft mit neuen bürokratischen Pflichten für Praxen verbunden ist. Bei der Planung und Umsetzung der Digitalisierung in der vertragsärztlichen Versorgung sollte daher das Augenmerk stärker auf das Potenzial für die Entlastung von Bürokratie gerichtet werden.


Dr. Ingolf Dürr